Jugend-Nationalmannschaft : Handball-Internat der SG: „Wenn es einer schafft, dann Jannek“

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Jannek Klein aus Schülp besucht das Handball-Internat der SG Flensburg-Handewitt und träumt von einer Profikarriere.

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08. Juli 2015, 06:00 Uhr

Schülp | Es gibt sie, die Momente, in denen sich Jannek Klein nach seinem alten Leben sehnt. Nach dem Essen von Mutter Ute, nach den Gesprächen mit Vater Hans-Jürgen, nach ein bisschen mehr Privatsphäre. In diesen wenigen Momenten stellt er sich die Frage, ob es richtig war, das Elternhaus in Schülp so früh verlassen zu haben. „Klar vermisse ich meine Eltern und mein Zuhause.“ Doch so schnell die Zweifel kommen, so schnell verschwinden sie auch wieder. Dann rückt das eine große Ziel in den Fokus: der Traum vom Leben als Handball-Profi. „Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als irgendwann vielleicht einmal mit dem Handball mein Geld zu verdienen“, sagt Klein, der heute Abend sein Debüt in der B-Jugend-Nationalmannschaft gibt. Im Rahmen des deutsch-französischen Jugendwerkes (DFJW) misst sich der deutsche Nachwuchs zwei Mal mit dem des Weltmeisters, heute in Aumühle und am Freitag in Stove (jeweils 19 Uhr).


SG Flensburg-Handewitt statt THW Kiel


Die erste Hürde auf dem langen, beschwerlichen Weg von einem Freizeit- zu einem Berufssportler hat der Teenager schon einmal genommen. Im vergangenen Herbst erkämpfte sich der damals 15-Jährige einen Platz im Handball-Internat der SG Flensburg-Handewitt, das in der im Vorjahr gegründeten Flensburg Akademie angesiedelt ist. Die Plätze sind in etwa so begehrt wie Hightech-Aktien zu den Boomzeiten des neuen Marktes. „Wir bekommen pro Jahr rund zehn Mal so viele Anfragen wie wir Kapazitäten haben“, berichtet Akademie-Geschäftsführer und B-Jugend-Trainer Sascha Zollinger, der Klein von der HSG Schülp/Westerrönfeld/Rendsburg zur SG lotste. Sogar aus der Schweiz, Litauen und dem bosnischen Banja Luka meldeten sich schon Interessenten. Derzeit leben rund 20 Spieler im Internat des DHB-Pokalsiegers. Klein gehört zu den Auserwählten. „Natürlich macht mich das stolz. Ich hatte auch ein Angebot vom THW Kiel, aber ich habe mich für Flensburg entschieden, weil die SG mein Lieblingsverein ist und ich hier wohnen kann. Nach Kiel hätte ich viermal die Woche mit dem Zug oder Bus fahren müssen, weil die noch kein Internat haben. Das wäre viel zu stressig gewesen, zumal ich zu dem Zeitpunkt gerade in der zehnten Klasse war und mich auf meinen Abschluss vorbereitet habe“, berichtet Klein. So fiel die Wahl auf Flensburg. Hier unterliegt der Teenager zwar nicht mehr dem Kontrollbereich der Eltern, wird aber schulisch und sportlich optimal gefördert.


Besserer Notendurchschnitt trotz Schulwechsels


Die Flensburg Akademie kooperiert mit verschiedenen Bildungsanstalten in Flensburg. Mit einem fest angestellten Pädagogen können schulische Belange aufgearbeitet werden. Und bei Bedarf wird Hausaufgabenhilfe oder Nachhilfeunterricht erteilt. Kriterien, die den Kleins die Entscheidung, ihren Sohn gehen zu lassen, einfacher gemacht haben. „Trotzdem waren da Vorbehalte, ob so ein Schulwechsel im Abschlussjahr sinnvoll ist“, sagt Mutter Ute. Denn neben neuen Lehrern und neuen Klassenkameraden wartete mit Chemie sogar ein neues Fach auf den Schüler „Mein Notendurchschnitt hat sich aber sogar verbessert und im Abschlusszeugnis habe ich in Chemie eine Drei“, sagt Jannek Klein nicht ohne Stolz. Trotz der schulischen Erfolge war es kein unkomplizierter Abnabelungsprozess. Klein spricht von einer „schwierigen Anfangsphase“ in Flensburg. In den ersten Wochen fiel es ihm nicht einfach, sich an den neuen, streng getakteten Rhythmus und die neue Umgebung zu gewöhnen. Klein, als Einzelkind groß geworden, musste sich im alten Internatsgebäude zunächst ein Zimmer mit einem Mitspieler teilen. „Da hatte man so gut wie keine Privatsphäre. Ich war nie alleine“, erinnert er sich nur ungern an die Zeit zurück. Seit dem Umzug Anfang Februar in den dreistöckigen Neubau der Flensburg Akademie im Jens-Due-Weg steht ihm jetzt ein zehn Quadratmeter großes Zimmer zur Alleinnutzung zur Verfügung. Jeweils zwei Bewohner leben in einer Wohneinheit mit gemeinsamen Bad, WC und einer Küchenecke. Zudem gibt es eine große Gemeinschaftsküche und eine eigene Multifunktionshalle. „Jetzt kann ich mich immerhin auch mal zurückziehen, ohne von anderen gestört zu werden.“


Zunächst Auswechselspieler statt Stammkraft


Auch sportlich hatte Klein zunächst Anpassungsschwierigkeiten. Der Körper musste sich erst auf den gesteigerten Umfang mit dem täglichen Training einstellen. Zudem war Klein neu in der Mannschaft, gehörte mit seinen damals 15 Jahren dem jüngeren Jahrgang der Flensburger B-Jugend an und hatte noch kein Standing. Bei der HSG Schülp/Westerrönfeld/Rendsburg war Klein wichtigster Spieler, in Flensburg ist er nur einer von vielen. Eine nicht gänzlich auskurierte Fußverletzung tat ihr Übriges. Trainer Sascha Zollinger setzte in der Anfangsphase der Saison auf andere Spieler, nicht auf Klein. Der „Neue“ fand sich beim Anpfiff der Spiele zumeist auf der Auswechselbank wieder. „Ich war oft enttäuscht und hatte manchmal schon das Bedürfnis, alles hinzuschmeißen.“ Aber dann rief er sich wieder in Erinnerung, weshalb er sein Elternhaus verlassen hatte. Und sofort verflüchtigten sich die negativen Gedanken. „Jannek hat den Biss von seinem Vater geerbt. Ich wusste immer, wenn es einer schafft, dann Jannek“, sagt Mutter Ute.


Vorfreude auf das Länderspieldebüt


Die Beharrlichkeit wurde belohnt. Der 1,93 Meter große, wurfgewaltige Linkshänder überzeugte im Training, erkämpfte sich einen Stammplatz im Team und trug mit seinen Leistungen maßgeblich dazu bei, dass sich die SG für das Final Four um die Deutsche Meisterschaft qualifizierte. Das blieb auch Klaus-Dieter Petersen nicht verborgen. Der DHB-Jugendtrainer hat Klein zu einem einwöchigen Lehrgang nach Hamburg eingeladen, verbunden mit den beiden Länderspielen gegen Frankreich. „Es ist eine tolle Bestätigung für mich, dass ich als jüngerer Jahrgang nominiert wurde“, freut sich Klein auf das bevorstehende Debüt in der Nationalmannschaft. „Das wird bestimmt ein ganz emotionaler Moment. Ich gehe aber mit keinen großen Erwartungen in die Spiele. Ich will einfach nur zeigen, was ich kann.“ Trainer Sascha Zollinger traut seinem Schützling jedenfalls einiges zu. Auch, dass er später den Sprung aus dem Nachwuchsteam in die Eliteliga schaffen kann. „Jannek hat in dem einen Jahr, in dem er bei uns ist, einen Riesensprung gemacht. Er hat großes Potenzial und vor allem ist er Linkshänder. Das ist sicherlich kein Nachteil. Wenn er weiter so an sich arbeitet, hat er alle Chancen. An Ehrgeiz mangelt es ihm jedenfalls nicht. Selbst wenn die Jungs mal frei haben, steht er in der Halle und will sich verbessern.“ Es braucht neben Können und Willen aber auch eine Menge Glück für eine große Karriere. Viele Träume platzen früh. Deshalb will Klein die Zeit in Flensburg „einfach nur genießen. Ich weiß, dass die Wenigsten später in der Bundesliga spielen. Ich will mir aber nicht nachsagen lassen, es nicht versucht zu haben. Das ist das, wofür ich im Moment lebe.“

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