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Landeszeitung

21. November 2017 | 16:41 Uhr

Grenzerfahrung in 25 Metern Höhe

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Klettergarten in den Hademarscher Bergen bietet besondere Herausforderungen für mutige Gäste / 160 Meter lange Seilbahn inklusive

shz.de von
erstellt am 24.Mai.2016 | 10:52 Uhr

Die „Schweine-Ohren“ hat Hannah mühelos bewältigt, den „Feuerwehrschlauch“ auch, doch nun stößt sie an ihre Grenzen. Bei den „Schwebenden Brettern“ verlassen die Achtjährige die Kraft und vor allem der Mut. Hannah steht auf einer kleinen Plattform in sieben Metern Höhe und lehnt sich an den Stamm einer dicken Eiche. Vor ihr acht kleine Holzplatten, die an vier dünnen Stahlseilen baumeln, unter ihr erst einmal nichts und dann irgendwann der Waldboden. „Das schaffe ich nicht“, ruft sie verzweifelt ihrem Vater zu. „Es kann doch nichts passieren“, erwidert Kay Lyngeaas.

Kann auch nicht. Hannah ist über ein Stahlseil gesichert. Sollte sie fallen, bekommt sie einen Fangstoß und hängt in der Luft. Doch alleine der Gedanke daran hindert Hannah am Weitergehen. Kay Lyngeaas steht auf der anderen Seite der „Schwebenden Bretter“ und redet beruhigend auf seine Tochter ein. Doch Hannah lässt sich nicht mehr umstimmen. Sie hat ihren Entschluss gefasst. „Ich will wieder runter“, sagt die Achtjährige in einem Ton, der keine Widerworte duldet. Mutter Simone nimmt ihre Tochter in den Arm und lenkt ein. „Okay, ich gehe mit.“ Nur noch die Strickleiter hinabklettern und schon haben beide wieder festen Boden unter den Füßen. Hannah atmet erst einmal tief durch. „Das war mir zu hoch und zu wackelig“, sagt sie und blickt noch einmal zu der Stelle hinauf, an der es für sie nicht weiterging. „Da habe ich dann doch ein bisschen Angst gehabt.“

Tilo Krause hat die Szene aus der Ferne beobachtet. „Jeder macht hier eben seine Grenzerfahrungen“, sagt der 46-Jährige. Krause, der den Hochseilgarten „feinklettern“ in den Hademarscher Bergen betreibt, kann jede Menge Geschichten erzählen von Menschen, die der Mut verlassen hat. Große, starke Kerle oder kleine Mädchen wie Hannah. „Die Angstschwelle ist bei jedem unterschiedlich. Jeder kommt mit der Höhe anders klar. Und man sieht es einem ja auch nicht an, wie mutig er ist.“

Der 2009 errichtete Kletterpark ist einer von gut einem Dutzend in Schleswig-Holstein und etwa 400 bundesweit. In dem einen Hektar großen Waldgebiet gibt es acht Kletterpfade mit sich steigernden Schwierigkeitsgraden. „Vor allem in den Städten geht der Trend dahin, die Klettergärten immer einfacher anzulegen, um das Klettern leichter und ‚konsumierbarer‘ zu machen“, sagt Krause. „Wir haben beim Bau darauf geachtet, die Elemente so interessant wie möglich zu gestalten und wollten einen Hochseilgarten schaffen, der ein wenig herausfordernder ist.“ Die einfachsten Kletterpfade befinden sich in vier bis fünf Metern Höhe. Auf dem anspruchsvollsten, dem „Wipfelpfad“, bewegt man sich in 25 Metern Höhe direkt durch die Baumkronen. „Dort oben bietet sich ein malerischer Ausblick auf die umliegende Region sowie den Nord-Ostsee-Kanal“, verspricht Martje Hartnack (46) vom Team „feinklettern“.

Doch bevor man so hoch hinaus darf, muss man sich erst einmal mit den Regeln vertraut machen. Jeder Besuch im Naturhochseilgarten beginnt mit einer ausführlichen Einweisung in die Sicherungstechnik. Fabian Hanning (19) erklärt den Gästen, wie man sich in das durchlaufende System einklickt und wie man die Haken und Karabiner wieder löst. Und dann testen die Gäste den Umgang mit den Sicherungsseilen auf einem Übungsparcours in Bodennähe. Schließlich muss später in der Höhe jeder Handgriff sitzen.

An die 30 Besucher laufen an diesem sonnigen Maitag über kippelige Stege, balancieren über schwankende Seile, sausen mit Seilrutschen von Baum zu Baum. In dem Park auf dem ehemaligen Militärgelände stehen Buchen, Roteichen und Douglasien. „Über dem Blätterdach stehen und in die Landschaft gucken, das ist schon gewaltig“, sagt Tilo Krause. Man hört das Rauschen der Blätter, das Singen der Vögel. Und angsterfülltes Gekreische der Kletterer, wenn ein Schritt ins Leere geht, wenn man den Boden unter den Füßen verliert, in dem Sicherungsseil hängt und das Adrenalin durch den Körper schießt. Aber auch ebenso begeisterte Rufe, wenn man sein Ziel erreicht hat. „Die Leute sollen hier an ihre Grenzen gehen. Es ist einfach ein großer Abenteuerspielplatz“, sagt Krause.

Neben den Kletterpfaden gibt es eine Reihe von weiteren Attraktionen, wie etwa eine 160 Meter lange Seilbahn, die auf einem 20 Meter hohen Flakturm beginnt und mit der man Geschwindigkeiten von bis zu 50 Stundenkilometern erreicht. „Nur Fliegen ist schöner“, meint Martje Hartnack mit einem Augenzwinkern. Kay Lyngeaas will das ausprobieren. „Das gibt es woanders nicht“, sagt der Hamburger, der schon viele Kletterparks durchlaufen hat, vom „feinklettern“ aber schwärmt. „Der ist schon besonders. Nicht nur, weil er so idyllisch im Wald liegt, sondern weil die Elemente schwieriger sind.“ Während Lyngeaas in Richtung Seilbahn verschwindet, hat seine Tochter neuen Mut gefasst. „Ich will nochmal klettern“, ruft Hannah ihrer Mutter zu. „Aber dieses Mal nicht so schwer. Auf diese blöden Bretter habe ich keine Lust.“
> „feinklettern“, Hafenstraße 20, Hanerau-Hademarschen, täglich ab 10 Uhr

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