Jüdischer Friedhof : „Grabsteine wurden durch Kugeln zerstört“

Spurensuche: Till Fischer, Jonna Silber, Lea-Marie Zech und Kyra Sepke haben für ihre Projektarbeit im Geschichtsunterricht bei Lehrer Tim Petersen (von links) zum Jüdischen Friedhof in Westerrönfeld geforscht.
Spurensuche: Till Fischer, Jonna Silber, Lea-Marie Zech und Kyra Sepke haben für ihre Projektarbeit im Geschichtsunterricht bei Lehrer Tim Petersen (von links) zum Jüdischen Friedhof in Westerrönfeld geforscht.

Schüler erforschen in Westerrönfeld die Schicksale von NS-Opfern und siegen bei einem Geschichtswettbewerb.

shz.de von
20. Juni 2017, 13:00 Uhr

Als Geschichtslehrer Tim Petersen den Neuntklässlern der Rendsburger Christian-Timm-Schule im vergangenen Herbst die Bedingungen für ihre Projektarbeit mitteilte, lautete die Anforderung zum Arbeitsaufwand: Mindestens 18 Stunden müssen eingeplant werden. Till Fischer, Jonna Silber, Lea-Marie Zech und Kyra Sepke entschieden sich für ein Projekt, für dessen Bearbeitung sie letztlich 148 Stunden benötigten: Sie forschten zur Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Westerrönfeld und zu den Schicksalen einiger der Verstorbenen.

„Wir hatten das mit Abstand aufwendigste Thema der Klasse, aber es war ein sehr interessanter Bereich, so dass es sich absolut gelohnt hat“, sagt Kyra Sepke. Denn das Engagement der Jugendlichen wurde auch außerhalb der Schule hoch gelobt: Das Quartett aus Rendsburg gehört zu den zehn Landessiegern des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. „Deutschlandweit nahmen insgesamt über 5000 Schüler teil“, verdeutlicht Till Fischer stolz den hohen Stellenwert des Preises, der mit einer Prämie von 250 Euro dotiert ist.

1695 wurde der Friedhof in Westerrönfeld in Betrieb genommen. In der NS-Zeit wurde die verantwortliche jüdische Gemeinde enteignet, und das Gelände fiel in die Hände eines Schützenvereins, wie die Neuntklässler bei ihren Recherchen in Museen und Archiven herausgefunden haben. „Danach wurde der Friedhof für Schießübungen genutzt. Einige Grabsteine wurden durch Kugeln zerstört“, berichtet Lea-Marie Zech. Ein weiteres Element der Grabschändung bestand darin, dass viele der Steine entwendet und zum Bau von Wällen und Pavillons zweckentfremdet wurden. „Man muss sich fragen, was das für Menschen waren, die so frevelhaft handeln“, sagt Tim Petersen betroffen.

Der letztdatierte Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof gehört dem Ehepaar Julius und Frieda Magnus, dessen Schicksal die Schüler „stark berührt“ hat. „Die beiden haben 1942 Selbstmord begangen – es war für sie der einzige Ausweg, um einer Deportation in ein Konzentrationslager zu entgehen“, erzählt Till Fischer. Der 70-jährige Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Rendsburg und seine Frau hatten den Deportationsbefehl nach Theresienstadt erhalten. Sie wussten, dass der „Evakuierungsbefehl“ das Todesurteil bedeutete.

Mittlerweile ist der Friedhof im Besitz der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Etwa 200 Gräber sind noch erhalten, eines von ihnen wird sogar noch regelmäßig besucht. „Während unserer zahlreichen Aufenthalte auf dem Friedhof ist uns aufgefallen, dass an der Grabstelle von Familie Gortatowski regelmäßig frische Kieselsteine liegen – wir haben herausgefunden, dass man im Judentum auf diese Weise zeigt, dass man der Verstorbenen gedacht hat. Blumen werden nicht hinterlegt“, erklärt Kyra Sepke. Auch eine Bepflanzung gebe es auf jüdischen Friedhöfen nicht, um die Ruhe der Toten nicht zu stören.

Diese Ruhe soll den Verstorbenen auf Ewigkeit garantiert sein, deshalb dürften die Gräber nicht aufgelöst und neu belegt werden. „Solange man noch irgendwie erkennen kann oder weiß, dass an einer Stelle ein Toter liegt, darf die Stelle nicht angetastet werden“, erklärt Till Fischer.

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