Hohenwestedt : Gottesurteil wäscht den Burgvogt rein

Mittelalterliches Rugby: Beim Bruchenball-Turnier war wieder alles erlaubt.
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Mittelalterliches Rugby: Beim Bruchenball-Turnier war wieder alles erlaubt.

Inquisition suchte Hohenwestedt heim. Beim Ritterturnier fiel die Entscheidung. Spectaculum-Besucher begeistert vom Bruchenball-Turnier.

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26. Mai 2015, 06:00 Uhr

Zusammen mit Rittern, Knechten und Gauklern fielen am Wochenende erstmals auch Delegierte der Heiligen Inquisition auf Wilhelmshöhe ein. Vom Vorwurf der Ketzerei konnte sich der Burgvogt von Hohenwestedt jedoch mit Erfolg reinwaschen, und zwar mittels eines „Gottesurteils“: Burggraf Gerhard von Löwen bezwang die von den Inquisitoren ins Feld geschickten Ritter auf dem Turnierplatz und konnte auf diese Weise seinen Ruf als gottesfürchtiger Ehrenmann wiederherstellen.

Das „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ (MPS) wirbt zwar mit dem Slogan „nicht authentisch, sondern phantastisch“. Das „Gottesurteil“, das der Graf von Hohenwestedt einforderte, als die Heilige Inquisition vor seinen Burgtoren stand, ihn der Ketzerei bezichtigte und die Herausgabe sämtlicher Besitztümer verlangte, kann jedoch durchaus Anspruch auf Authentizität erheben. Eines solchen „Gottesurteils“ bediente sich die Kirche nämlich im frühen Mittelalter, um Andersgläubige und Verbrecher zu überführen. Mutmaßliche Mörder wurden zum Beispiel zur Leiche geführt (fingen die Wunden wieder an zu bluten, war das ein Beweis der Schuld), andere Verdächtige mussten glühendes Eisen anfassen (wurden sie nicht ernsthaft verletzt, waren sie unschuldig).

Auch das, was sich auf dem Turnierplatz neben dem Hohenwestedter Freibad abspielte, war im Mittelalter eine gängige Variante des „Gottesurteils“: Der Zweikampf zwischen zwei Adligen, bei dem der Ausgang über Schuld oder Unschuld entscheidet, denn – so die Annahme der Inquisitoren: Gott wird demjenigen den Sieg geben, der Recht hat. Der Burgvogt von Hohenwestedt bezwang die von der Kirche gegen ihn aufgebotenen Ritter Martin von Regensburg und Heinrich vom Drachenfels – und darum musste Inquisitionsrat Eberhard zu Tinge am Ende des Wettkampfs alle Ketzereivorwürfe wieder zurücknehmen: „Im Namen der Heiligen Inquisition spreche ich Euch frei und jedem Herrn ebenbürtig.“

Für die Ritterturniere beim MPS ist das Show- und Stuntteam von „Ars Equitandi“ zuständig. Michael Paulus (auf dem Turnierplatz: „Gerhard von Löwen“) und seine Mitstreiter hatten sich diesmal Verstärkung aus der Tschechischen Republik mitgebracht: die Schwertkampf-Stuntgruppe „Burdyri“ aus Prag. Ebenfalls in der Tschechischen Republik zu Hause ist die Fechtgruppe „Fictum“, die zum MPS-Stammpersonal gehört. Wie in den vergangenen Jahren unterhielten die „Fictum“-Stuntmen das Hohenwestedter Publikum auch diesmal wieder mit fünf Vorführungen pro Tag.

Ganz in der Nähe des Kampfplatzes der „Fictum“-Fechter hatte ein echter MPS-Neuling sein Zelt aufgebaut: Achim Häfner aus Neustadt an der Weinstraße. Der neue Hof-Falkner des MPS präsentierte seinem Publikum zwei Dutzend Greifvögel: europäische, sibirische und kanadische Uhus, Steppenadler und Wüstenbussarde, Weißgesichtseulen und Brillenkäuze. „Ich mache keine Flugshows, sondern möchte den Leuten die Greifvogelwelt näherbringen“, erzählte Häfner, der Spenden für das Kinderhospiz „Sterntaler“ sammelte, „meine Eulen und Adler sind Therapievögel, mit denen ich Demenzkranke, Autisten, Blinde und Gehörlose besuche.“

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