ACO-Thormannhalle Büdelsdorf : Generalprobe mit 1200 Zuschauern

Braucht keine Notenvorlage: Der mit dem Leonard-Bernstein-Award ausgezeichnete Geiger Charles Yang.
Braucht keine Notenvorlage: Der mit dem Leonard-Bernstein-Award ausgezeichnete Geiger Charles Yang.

Schleswig-Holstein Musik-Festival: Letzter Feinschliff am Programm in der ausverkauften ACO-Thormannhalle. Bernstein-Award-Träger Charles Yang begeisterte das Publikum.

shz.de von
17. August 2018, 18:02 Uhr

Büdelsdorf | Großer Andrang zur letzten Generalprobe des Schleswig-Holstein Musik-Festivals 2018. Rund 1200 Zuschauer besuchten am Donnerstagabend die ACO-Thormannhalle. Kein Wunder bei Programm-Leckerbissen wie den „Sinfonischen Tänzen“ von Leonard Bernstein aus der West Side Story.

Mit der sinfonischen Suite „On The Waterfront“, die Bernstein für einen Film komponiert hatte, wurde der Einfallsreichtum des Dirigenten, Komponisten und Musik-Aufklärers deutlich. Der Film handelt von Themen wie Gewalt und Korruption. Nach der kurzen Einstimmung des Dirigenten Wayne Marshall brauchte man den Film nicht mehr gucken: Die Fantasie reichte aus, um sich die Bilder und den Ablauf nach dieser dramatisch-abwechslungsreichen Musik mit vielen Stimmungswechseln vorzustellen. Eine klanggewaltige Viertelstunde Sturm mit feinen Gefühlen und groben Empfindungen. Mit kleinen Anklängen an die West Side Story war es auch ein herausfordernder Einstieg in den Abend: Kein Konzert, sondern eine Generalprobe. Arbeitsproben wie diese, zu erheblich günstigeren Eintrittspreisen als offizielle Konzerte, erfordern Geduld und Ruhe im Publikum. Nur so können weitere Feinheiten erarbeitet werden.

Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert op. 35, zwischen 1937 bis 1945 komponiert, gehört zu den fünf meistgespielten Violinkonzerten der Musikgeschichte überhaupt. Dennoch ist es in der Region kaum bekannt. Wayne Marshall, Charles Yang und das Festivalorchester deckten dieses Juwel der Musik auf. Yang, gerade mit dem Leonard-Bernstein-Award 2018 ausgezeichnet, entpuppte sich mit Virtuosität und Musikalität wie ein Paganini des 21. Jahrhunderts. Auch hier folgten wieder Nacharbeiten an Details. Bewundernswert, wie der 29-Jährige – alles auswendig spielend – die von Wayne Marshall benannten Stellen ohne Notenvorlage präsent hatte und mit dem Orchester spielte. Phänomenal die Wirkung: Spontaner Beifall nach dem ersten Satz. Großer Redebedarf nach dem dritten. Zu viel, zu laut, sodass Wayne Marshall um Ruhe bat.

Dann: Pause, unbegrenzte Redefreiheit, frische Luft. Danach: Die instrumentale Kurzfassung (ohne „America!“) der West Side Story. Die „Sinfonischen Tänze“ waren der emotionale Hit dieser Generalprobe: bekannt, eindrucksvoll. Das von feiner bis hin zur brachialen Lautstärke engagiert spielende Festival-Orchester. Powermusik der feinsten Art mit Querflötensolo mittendrin: Mucksmäuschenstille, als wäre niemand sonst in dem restlos ausverkauften Saal. „Gut“, kommentierte Marshall. Ende des musikalischen Teils war die Ouvertüre zu „Candide“ („… has some great music in it“, Wayne Marshall). Marshall hat die großen Momente mit dem Festival-Orchester aufgedeckt und damit begeistert, auch wenn er vorher mit dem Schluss der „Sinfonischen Tänze“ noch nicht ganz glücklich war. Das wurde vor dem Konzert am folgenden Tag nachgeprobt. Allein, ohne Publikum. Besser so, denn um viertel vor elf waren alle Kräfte von Orchester und Publikum verbraucht.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen