Abschiebungshaft : Geflohen, gefangen, abgeschoben

Engagieren sich für Flüchtlinge: Lasse Nissen (von links), Solveigh Deutschmann, Hans-Joachim Haeger, Doris Kratz-Hinrichsen und Torsten Döhring.
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Engagieren sich für Flüchtlinge: Lasse Nissen (von links), Solveigh Deutschmann, Hans-Joachim Haeger, Doris Kratz-Hinrichsen und Torsten Döhring.

Erste öffentliche Veranstaltung in der Abschiebungshaft. Experten berichten über die Situation der Inhaftierten.

shz.de von
11. Dezember 2013, 00:36 Uhr

Inhaftiert in einem Gefängnis mit Stahltüren und Stacheldraht – und das, obwohl man keine Straftat begangen hat. Diese Erfahrung machen Flüchtlinge, die zwangsweise in der Abschiebehafteinrichtung in der Königstraße untergebracht sind. Der Öffentlichkeit ist der Zugang eigentlich verwehrt. Zum ersten Mal konnten 15 Interessierte gestern die Einrichtung besuchen. Fachleute informierten über die Situation der Insassen und das Leben hinter den Mauern.

Auf drei Etagen verteilen sich 36 Zellen von jeweils neun Quadratmetern. Von den 57 Haftplätzen sind im Moment 18 belegt. „Viele der Häftlinge sind Flüchtlinge, die nur ihre Familien gesucht haben“, erklärt Doris Kratz-Hinrichsen vom Diakonischen Werk Schleswig-Holstein. Trotzdem gibt es Ein- und Aufschlusszeiten für die Zellen, zu den Mahlzeiten werden die Männer weggesperrt. Zu Arztterminen geht es in Handschellen.

Solveigh Deutschmann, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein, sieht sich als Sprachrohr der Männer. „Sie fühlen sich wie Verbrecher. Die Männer haben nichts getan und werden kriminalisiert.“ 40 Prozent der Flüchtlinge sind durch das Erlebte in der Heimat oder die Trennung von der Familie traumatisiert. Hans-Joachim Haeger, Vorsitzender des Beirats für den Vollzug der Abschiebungshaft im Land, bemerkte: „Menschen, die Schlimmes erlebt haben, gehören nicht in ein Gefängnis.“

Dazu gehört ein junger Syrer, der mit Mutter und Schwester aus seiner Heimat vor Krieg und Hunger floh. Seine Verwandten sind wohlbehalten in Schweden angekommen, er selbst wurde in Italien inhaftiert. Nachdem er gezwungen worden war, einen Asylantrag zu stellen, bekam er 300 Euro von den italienischen Behörden und wurde seinem Schicksal überlassen. Auf der Suche nach seiner Familie wurde er von der Bundespolizei aufgegriffen.Die Beamten brachten ihn nach Rendsburg.

Die Landesregierung will die Abschiebehaft abschaffen, allerdings müssten dazu Bundesgesetze geändert werden. Diese schreiben die Inhaftierung von Flüchtlingen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus vor, erklärt Torsten Döring, Referent des Flüchtlingsbeauftragten des Landes. Kleine Erfolge gibt es aber jetzt schon bei den Haftbedingungen. Seit Sommer diesen Jahres dürfen die Männer ihre eigene Kleidung tragen, das Internet nutzen und ihr Telefon behalten. Bedeutende Schritte auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit. Wie wichtig diese ist, weiß der 22-jährige Student Lasse Nissen. Er dolmetscht im Gefängnis. Ihm begegnen 16-Jährige, die voller Hoffnung nach Deutschland kommen. Allzu oft wird diese Hoffnung enttäuscht. Nissen traf einen jungen Afghanen wieder, der bereits vor drei Monaten in der Abschiebehaft saß. Dieser versucht verzweifelt, zu seinen Verwandten nach Schweden zu kommen. „Im Gegensatz zu dem jungen Afghanen kann ich mein Leben selbst bestimmen“, sagt Nissen. „Das wird sich der junge Flüchtling auch gesagt haben, nur wurde ihm seine Selbstbestimmung genommen.“

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