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Rendsburger Wehrübung : Gefangen im Hochhaus – aber nur zur Probe

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

40 Einsatzkräfte übten Brandbekämpfung und Personenrettung in der Parksiedlung. Eine harter Job für die Atemschutzträger. Und ein Test für die Zusammenarbeit mit Rettungskräften und Polizei.

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erstellt am 25.Apr.2014 | 13:00 Uhr

Um 19 Uhr ist die Welt noch in Ordnung. Die Vögel zwitschern. Kaum ein Auto ist unterwegs. In der Pastor-Schröder-Straße 7 sitzen die Bewohner am Abendbrottisch. Fünf Minuten später dringt dichter Qualm aus dem siebten Stock des Hochhauses und das schrille Piepsen von Rauchmeldern zerreißt die Stille. Nach weiteren fünf Minuten spiegeln sich Blaulichter in den Fensterscheiben, Schläuche werden ausgerollt, Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken laufen zum Eingang. Im Treppenhaus wird ein Fenster aufgerissen: „Hilfe! Helft mir doch! Feuer! Hier liegen ganz viele Verletzte“.

Die verzweifelten Rufe treiben das Adrenalin in die Höhe. Und das, obwohl die knapp 40 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Rendsburg inzwischen bemerkt haben: Dies ist eine Übung. Britta Gonschoroswki vom RKSH (Rettungsdienst, Krankentransport und Soziale Hilfsdienste) hat ein Auge auf vier künftige Rettungssanitäter. Die Auszubildenden sollen erstmals ohne Begleitung eines erfahrenen Kollegen agieren und wissen von dem Einsatz. „Die sind ganz aufgeregt“, weiß die erfahrene Rettungsassistentin. Während die Auszubildenden nach einem geeigneten Abstellplatz für die Rettungswagen suchen, schaut Sönke Brandstaedter auf sein Klemmbrett, macht sich Notizen. Der Mann von der Feuerwehr ist als Beobachter dabei und kennt das Szenario: Im vierten und siebten Stock brennt es – der Trockennebel sorgt für dichten Qualm. Drei Personen werden vermisst, davon eine auf dem Dachboden.

Die Meldung an die Einsatzkräfte lautet: „Eine Frau sagt, dass ihr Mann auf den Dachboden gegangen ist und sich jetzt nicht mehr meldet.“ Schnell haben die Männer den Wagen mit Hubkorb auf die Fläche dirigiert, vor der ein Schild auffordert: „Rettungsweg für die Feuerwehr freihalten.“ Nach wenigen Augenblicken steht das Fahrzeug in Position, der Korb wird hochgefahren. „Über eine Dachgaube können die Männer auch einsteigen, wenn das Treppenhaus nicht begehbar ist“, erklärt Wehrführer Gerrit Hilburger. Woher die Einsatzkräfte das wissen? „Diese Objekte sind alle ziemlich ähnlich.“ So ist auch bekannt, dass sich auf jeder Etage ein Wasseranschluss befindet. „Da können wir die Schläuche direkt anschließen.“

Doch erst einmal müssen die Schläuche in die oberen Etagen gelangen. Ohne Fahrstuhl. In Schlauchkörben sind sie verstaut. Sie zu tragen, ist ein Kraftakt – vor allem unter Atemschutz. Der Blick auf die Uhr zeigt: Es sind nur wenige Minuten seit der Alarmierung vergangen. Doch dem Mann am Fenster geht es nicht schnell genug. „So helft mir doch!“ hallt seine Stimme durch die Straße. Gruppenführer Andreas Schölz mimt den verzweifelten Bewohner. Von zwei Kameraden im Treppenhaus wird er schlicht übersehen. „Das ist der Tunnelblick“, weiß er, den haben die unerfahrenen Einsatzkräfte. „Erfahrene Wehrmänner hätten sich um mich gekümmert.“

Einer jungen Frau wird dagegen geholfen. Die Sanitäter versorgen sie mit Sauerstoff. Doch als jemand sie am Arm berührt, beginnt sie zu krakeelen. „Eine Flasche Korn hatte ich schon weg und zweieinhalb Schachteln Zigaretten“, erzählt Wehrmitglied Hanna Sell anschließend über ihre Rolle. Außerdem mimte sie die Brandstifterin, die auch von der beteiligten Polizei ermittelt wurde.

Übungen dieser Größenordnung macht die Rendsburger Wehr vier- bis fünfmal im Jahr. In diesem Fall geht es auch noch darum, verunglückte Kameraden zu bergen. Und die Einsatzkräfte haben ein zahlreiches Publikum aus den umliegenden Häusern. Um kurz nach 20 Uhr werden die Schläuche eingerollt. Die Kakophonie aus Rauchmelder-Piepsen, knackenden Funksprechgeräten und rollenden Züge auf Hochbrücken-Rampe verstummt. Es ist wieder ruhig. Der Fernsehabend mit den „Bergrettern“ im ZDF kann beginnen.

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