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Landeszeitung

17. August 2017 | 00:33 Uhr

Keuchhusten : Gefährliche Impflücken

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Zahl der Keuchhusten-Infektionen im Kreis Rendsburg-Eckernförde steigt dramatisch an. Erkrankungen können tödlich verlaufen – besonders gefährdet sind Säuglinge.

Es beginnt wie eine normale Erkältung. Doch nach ein, zwei Wochen legt sich zäher Schleim auf die Atemwege, Husten-Attacken beginnen. Bakterien produzieren Gifte, oft folgen Übelkeit und Erbrechen. Im Extremfall ist Keuchhusten (Pertussis) tödlich. 22.119 Infektionen registrierte das Robert-Koch-Institut (RKI) 2016 in Deutschland – einsamer Rekord seit Beginn der Meldepflicht. Als diese 2013 eingeführt wurde, gab es nur 12.600 Patienten. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl der Fälle beinahe verdoppelt. Noch dramatischer entwickelte sich die Situation im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Vor vier Jahren gab es 17 Fälle in der Region. In den folgenden Jahren verdoppelte sich die Infektionsrate mehrfach. Ein Höchststand löste den anderen ab. 72 Keuchhusten-Erkrankungen wurden 2016 gemeldet. 2017 ist keine Besserung in Sicht.

Mehr als 50 Erkrankungen im Kreis wurden dieses Jahr bereits bestätigt. Der Wert unbestätigter Verdachtsfälle liegt deutlich höher. „Wir haben schon nach sechs Monaten fast die Zahl der Verdachtsmeldungen vom vergangenen Jahr erreicht“, sagt Astrid Bodendieck, die Leiterin des Fachdienstes Gesundheitsdienste. Ein Viertel der Fälle betreffe Säuglinge und Kinder bis zum neunten Lebensjahr. Keuchhusten ist in den ersten Lebensmonaten besonders gefährlich. Bei Säuglingen kann die Krankheit zu Atemstillständen führen. 2016 starben in Deutschland drei Babys an der Infektion.

Zum rasanten Anstieg der Fälle in den vergangenen Jahren sagt Bodendieck: „Grundsätzlich ist Keuchhusten eine vermeidbare Krankheit, die von Mensch zu Mensch per Tröpcheninfektion übertragen wird. Wenn die Zahl der Erkrankungen zunimmt, weist das auf Impflücken hin.“

Bei Säuglingen erfolgt die Grundimmunisierung gegen Keuchhusten mit mehreren Impfungen, beginnend ab dem zweiten Lebensmonat, bis zum 14. Monat. Im Kindes- und Jugendalter folgen Auffrischungen. Die Impfraten in diesen Altersgruppen liegen in Deutschland bei 95 bis 97 Prozent. Ein Problem könnten demnach unzureichend geimpfte Erwachsene sein. Das RKI geht davon aus, dass nur jeder fünfte bis zehnte Erwachsene ausreichend geschützt ist. Mindestens alle zehn Jahre sollten Impfungen aufgefrischt werden.

Besonders tückisch kann Keuchhusten auch bei Menschen verlaufen, die an einer Immunschwäche leiden. Ältere sind ebenfalls besonders gefährdet. „Der Körper kann das Fieber durch die Infektion und die Hustenattacken, die Herz und Lunge strapazieren, dann manchmal nicht mehr kompensieren“, erklärt Bodendieck. Die Folgen können dramatisch sein: „Der 100-Tage-Husten, wie Keuchhusten im Volksmund auch genannt wird, führt bei empfindlichen Menschen in Einzelfällen durchaus bis zum Tod. Und noch einmal: Wir sprechen hier von einer Erkrankung, die vermeidbar ist.“

Bodendieck setzt daher auf Aufklärung und Impfungen. „Neben individuellem Schutz geht es auch um soziale Verantwortung. Und das Thema geht sogar noch weiter: Wir reisen auch in Ecken der Welt, in denen die Menschen keinen Zugang zu guter medizinischer Behandlung haben. Da können Ansteckungen besonders fatal wirken. Da geht es um die Frage der globalen Gesundheit – und die betrifft uns natürlich auch in Rendsburg und Umgebung.“

Grund zur Panik besteht trotz immer neuer Höchststände nicht. Insgesamt 743 Fälle gab es 2016 in Schleswig-Holstein. Dass Rendsburg-Eckernförde ein relativ großer Kreis ist und mit Kiel auch die Landeshauptstadt zum Einzugsgebiet gehört, relativiert die Zahl von 72 Fällen. Außerdem werden die Infektionen seit Einführung der bundesweiten Meldepflicht womöglich einfach immer besser erfasst. Auch das könnte den deutschlandweiten Anstieg erklären. Die Zahl der Keuchhusten-Infektionen verläuft zudem erfahrungsgemäß wellenförmig. Das heißt: Auf Jahre mit immer mehr Fällen folgten in der Vergangenheit stets Jahre mit abnehmenden Fallzahlen. Wenn mehr Menschen ihre Impfungen auffrischen, könnte die Keuchhusten-Welle schon bald auslaufen.

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erstellt am 14.Jun.2017 | 11:30 Uhr

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