Geduldet, aber nicht geachtet

Der Begriff „Menschenwürde“ war auf den Schildern zu lesen, die die Asylbewerber ihrem Publikum entgegen hielten.
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Der Begriff „Menschenwürde“ war auf den Schildern zu lesen, die die Asylbewerber ihrem Publikum entgegen hielten.

Diskussionsrunde in den Rendsburger Kammerspielen: Junge Asylbewerber berichteten von ihren Erfahrungen in Deutschland

shz.de von
02. Juni 2014, 08:25 Uhr

Weltweit sind 45 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie kehren ihrer Heimat den Rücken aus Furcht vor Armut, Gewalt und Krieg. Doch nicht in jedem Land sind sie willkommen. Auf dieses Problem will das Gemeinschaftsprojekt „Grenzen los? Grenzenlos!“ vom „Kommunalen Integrationskonzept für Rendsburg“ aufmerksam machen. Am Sonnabend zeigten Teilnehmer in den Kammerspielen eine Szene aus einem Stück, das sie selbst entwickelt haben. Anschließend gab es eine Diskussionsrunde. Thema: „Wie willkommen ist Asyl bei uns?“

Das Theaterstück des Weiterbildungsvereins „Umwelt Technik Soziales“ (UTS) zeigte, wie 13 Asylbewerber ihren „Weg zur Freiheit und zurück“ gingen. Jeder der Darsteller hatte ein Schild in der Hand, auf der ein Buchstabe zu sehen war. Daraus kombinierten sie das Wort „Menschenwürde“. Jeder von ihnen beschrieb, welche Bedeutung das Asylbewerber-Dasein für ihn hat. „Als Flüchtling verliert man seine Einzigartigkeit und führt kein selbstbestimmtes Leben“, erzählten sie. Alle sprachen ein gutes Deutsch, was umso bemerkenswerter ist, weil viele von ihnen sich die Sprache selbst beibringen mussten.

Asylbewerber, so sagten sie, dürften nicht selbst entscheiden, wo sie wohnen – einige leben zu zweit in einem fünf Quadratmeter kleinen Zimmer. Sie stoßen oft auf Unverständnis und Misstrauen: „Wir werden wie Verbrecher behandelt.“ Denn seit Januar wird zunächst geprüft, wie der Geflohene hierher kam. „Im ersten europäischen Land, in dem man ankommt, muss der Asylantrag gestellt werden“, erklärte Reinhard Pohl von der Gesellschaft für politische Bildung. Daher würden Fingerabdrücke genommen und die wenigen mitgebrachten Sachen nach Hinweisen auf andere Auslandsaufenthalte durchsucht. Schlimmstenfalls ende dies in Asylhaft.

Alle erzählten von der Schwierigkeit, einen Job zu bekommen, obwohl sie teilweise studierte Juristen oder Germanisten sind. Damit wollen sie zum Beispiel den Sprachkurs finanzieren, um sich integrieren zu können. Doch ohne Deutschkenntnisse besteht keine Möglichkeit auf Arbeit, und ohne die Erlaubnis gibt es keine Aufenthaltsgenehmigung. Selbst, wenn ein Ausländer mit Arbeitserlaubnis eine freie Stelle finde, hätten zunächst Arbeitslose mit deutschem Pass das erste Zugriffsrecht.

Was die Asylbewerber stört, ist das Warten. Diesen Begriff nennen sie besonders häufig: Warten auf die Bearbeitung von Anträgen, auf Gewissheit und auf die Freiheit. Einige fühlten sich wie in einer Warteschleife. Das neue Abkommen „Dublin III“ soll ihre Situation verbessern. „Aber die negative Sicht auf Flüchtlinge ist gleichgeblieben“, merkte Pastor Hans-Joachim Haeger an, Vorsitzender des Beirats für den Vollzug der Abschiebungshaft im Land.

Von 100 000 Asylanträgen werden 70 000 abgelehnt, berichtete Reinhard Pohl. Ein halbes Jahr dauert das Verfahren. Doch das sind weitere Monate, die der Betroffene im Schwebezustand verharrt. „Je länger wir auf die Zukunft warten, desto mehr denken wir an die Vergangenheit“. Eine Mutter sagte auf der Bühne der Kammerspiele, dass sie endlich ihre Kinder wiedersehen möchte. Ein weiterer berichtete von Folter in seinem Heimatland. Sie kommen aus Krisenländern wie Afghanistan, dem Jemen und dem Iran. Manche der zwischen 19- und 21-Jährigen leben bereits zwei bis drei Jahre hier.

Fazit der Teilnehmer: Willkommen fühlt sich nicht jeder von ihnen in Deutschland. Oftmals würden sie ausgegrenzt. Die Ausnahme bilden Einrichtungen wie der Verein UTS. Einhellige Meinung der Betroffenen: „Dort hat man Verständnis für uns.“


>Zwei Einrichtungen bieten Hife für Asylbewerber und Migranten an: Das Netzwerk Asyl Rendsburg trifft sich an jedem zweiten Mittwoch um 20 Uhr in der T-Stube, Am Stadtsee 1. Der Diakonieverein Migration ist in der Prinzenstraße 13 in Rendsburg zu erreichen.

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