Kieler Landgericht : Freundin im Streit erwürgt: Gutachter bemängelt fehlende Therapie

Im Prozess um einen Rendsburger, der im Mai seine Freundin erwürgt haben soll, kommen neue Details ans Licht.

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19. Januar 2015, 15:56 Uhr

Kiel/Rendsburg | Ein psychiatrischer Gutachter hat bemängelt, dass ein zum zweiten Mal wegen Totschlags angeklagter Mann aus Rendsburg nach seiner ersten Tat keine Therapie verordnet bekommen hat. Der 29-Jährige hätte „ein paar Jahre Therapie machen sollen“, wie es ein Jugendpsychiater auch empfohlen habe, sagte der Gutachter am Montag vor dem Kieler Landgericht. Laut Anklage und eigenem Geständnis erwürgte der Angeklagte im Mai 2014 seine Freundin. Er fürchtete demnach, sie könnte dem gemeinsamen Kind etwas antun. Zehn Jahre zuvor hatte er seinen Großvater umgebracht, weil der sich an seinem Stiefbruder vergehen wollte. Er wurde damals zu drei Jahren Haft verurteilt, kam aber ohne Therapieauflagen vorzeitig wieder frei.

Der Angeklagte hätte schon nach der ersten Tat „ein paar Jahre Therapie machen sollen“, wie dies damals ein Jugendpsychiater vergeblich empfohlen habe, sagte der Gutachter. Auch jetzt sei die Prognose ohne Therapie ungünstig. „Sie bleibt positiv, wenn er die Möglichkeit erhält.“  Der Gutachter sprach von einem besonderen Fall menschlicher Abgründe und tragischer Umstände. Demnach wuchs der Angeklagte emotional und sozial in „hochdeprimierenden und hochdefizitären“ Verhältnissen auf.

Statt Förderung erfuhr er Gewalt, kam von der überforderten Mutter zu den Großeltern. Doch auch dort gab es keine Geborgenheit. Stattdessen verging sich der Großvater auch an ihm, den Geschwistern und der Mutter. Die Großmutter schwieg dazu.  Laut Gutachten wurde der Angeklagte in Kindheit und Jugend auch intellektuell völlig unterfordert. Abitur und Studium wären ihm demnach möglich gewesen, doch er kommt auf die Hauptschule, wo er sogar noch Klassen wiederholt. Er zieht sich in sich zurück. Früh beginnt er mit Alkohol und Drogen, die auch seine Beziehung zur Freundin bestimmen. Denn auch sie ist drogensüchtig.

Der hochtraumatisierte Angeklagte entwickelte eine manifeste  Persönlichkeitsstörung, sagte der Gutachter. Wie die Getötete leidet auch er demnach an einer Borderline-Erkrankung. Seinen minimalen Selbstwert kompensiert er, so wie sie, nach Schilderung des Gutachters

mit Drogen. In der von Geldknappheit, Eifersucht und Streit geprägten Beziehung bemüht er sich dann aber vergeblich, alles auf die Reihe zu kriegen. Zeugen beschreiben ihn als rührenden Vater, der durchdreht, als sie ihm das Kind zu entziehen droht.

Bei der Tat ist die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten nach Ansicht des Gutachters möglicherweise erheblich eingeschränkt, aber nicht aufgehoben. Denn er „funktioniert bis hin zur Entsorgung der Leiche“, sagte er. Die finden Spaziergänger rund zwei Wochen nach der Tat nahe der Raststätte Hüttener Berge.

Die Plädoyers sollen an diesem Freitag (0900) gehalten werden. Das Urteil wird am 29. Januar erwartet.

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