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Landeszeitung

20. November 2017 | 22:24 Uhr

Jugend macht Theater : Flug ins Ungewisse

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Was ist eine Katastrophe? Der Theaterjugendclub Rendsburg beschäftigt sich in seinem neuen Stück mit dieser Frage. Die Premiere wurde bejubelt.

Wer schon eine Flugreise gemacht hat, kennt das Ritual: Die Sicherheits-Verhaltenshinweise der Flugbegleiterinnen vor dem Start. Ein Spiel mit Anschnallgurt und Sauerstoffmaske, das nur noch wenige beachten. Für den Fall, dass eine Katastrophe eintreten sollte, würde richtiges Verhalten Überleben sichern. Aber die Katastrophe wird ja nicht eintreten. Da sind sich alle sicher. Katastrophen sind für andere da.

In entlarvender Deutlichkeit zeigte diese Haltung der Theaterjugendclub Rendsburg mit der Produktion „Milch und Kekse“, die am Donnerstag Premiere in den Kammerspielen des Theaters hatte. Es entwickelte sich ein fiktiver Flug ins Ungewisse, dessen Ende bis dahin nur die Mitwirkenden des Theaterjugendclubs kannten: Blaues Licht, Gestalten in weißen Einweg-Overalls wandelten mit gelangweiltem Gesichtsausdruck auf der Bühne. Die Szenen machten deutlich: Individualität wird versteckt. Diese Gesellschaft hat offensichtlich keinen Plan, der in eine lebenswertere Zukunft weist. Die Menschen sind satt, haben einen Status erreicht, der keinen Platz mehr für Mitgefühl lässt. Von ungezählten Negativ- und Katastrophen-Meldungen abgestumpft, sehnen sie sich nach einer „heilen Welt“, wollen sie bewahren – und fliegen mit nahezu Schallgeschwindigkeit ihrer Katastrophe entgegen. Wie der Germanwings-Flug 4U9525. Nur das private und kleine Glück zählt noch und soll bis zum Letzten ausgekostet werden: „Ich nehme noch einen Campari-Soda.“

Der interaktive Teil des Stücks diente zum Aufrütteln und zum Mitmachen. Die Zuschauer verfolgten einen Mix aus Terror und Lebensrettung. Der „Tod“ bestimmte mit mächtigem Fingerzeig, wer die Bühne zu verlassen hat. Zuerst waren die Schauspieler an der Reihe, dann folgte das Publikum. Die ersten Reihen wurden aus der „Kammer des Schreckens“ evakuiert. Man hörte Angstschreie, Gewalt. Der Überlebenskampf eines an Ebola erkrankten Mädchens wurde ergreifend echt gespielt und mit individuellen Katastrophenmeldungen garniert.

Zu sehen war die Auflösung bekannter Strukturen. Das Publikum landete auf der Bühne, die Schauspieler im Publikum, Lücken entstanden im Zuschauerraum. Diese Situation entwickelte eine beklemmende Wirkung. Und immer wieder erklangen beschwörende Formeln: „Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Es besteht kein Grund zu Beunruhigung“. Dabei zeigte die Videoleinwand ein Ende bis zum großen Endzeitknall: Dunkel. Ende, aus, alles vorbei. Die Botschaft saß. Die drastische Demonstration hatte alle Zuschauer erreicht. Noch lange wurde draußen vor der Tür diskutiert, und erkannt, dass es „so“ kaum weitergehen kann.

Die Besucher bedankten sich mit Standing Ovations. Verdient. Der Theaterjugendclub Rendsburg hat mit dem Leitungsteam Lorenz Baumgarten, Johannes Fast, Ramona Ries, Oliver Scheer und Christian van Bürk enthusiastisch und absolut glaubwürdig das Stück entwickelt. Der engagierte Nachwuchs hat den Anfang zum Umdenken gemacht.


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