Mietführerschein : Flüchtlinge lernen das Haushalts-Abc

Kein Problem: Einen Staubsaugerbeutel weiß Syrerin Fatmha Jaber zu wechseln.
Kein Problem: Einen Staubsaugerbeutel weiß Syrerin Fatmha Jaber zu wechseln.

Die Stadt will mit neuem Kursus Unfällen und Sachschäden vorbeugen. Der Mietführerschein soll Teilnehmern Wohnungssuche erleichtern

shz.de von
22. März 2017, 08:55 Uhr

Staubsaugerbeutel wechseln, Cerankochfeld reinigen, Waschmaschine von Flusen befreien, Lebensmittel richtig lagern. Was hierzulande als Haushaltsalltag gilt, ist in einigen Regionen der Welt unüblich oder gar unbekannt. Um Unfällen und Schäden in Wohnungen vorzubeugen, bietet die Stadt Rendsburg jetzt einen Kursus an. Flüchtlinge können an vier Terminen von jeweils ein bis zwei Stunden alles lernen, was für den Umgang mit einem Mietobjekt wichtig ist. Am Ende der Veranstaltungsreihe erhalten sie einen Mietführerschein (wir berichteten). Diese Teilnahmebestätigung soll vor allem Vermieter beruhigen. Denn viele von ihnen sorgen sich angesichts vergangener Vorfälle um ihre Immobilie und wollen Flüchtlinge nur noch ungern unter Vertrag nehmen.

„Die Beschwerden sind wesentlich weniger geworden. Im vergangenen Jahr kam es allerdings im Schnitt jede Woche aus Unkenntnis zu Sachschäden“, sagt Heiko Reinken, Leiter des Fachdienstes Flüchtlinge und Integration. „In einem Fall wurde das Essen ohne Pfanne direkt auf dem Ceranfeld gebraten. Mit dem Kursus wollen wir solche Fehlnutzungen verhindern.“ Dabei verfolgt die Stadt auch ein eigenes Interesse, denn als Mieterin muss sie für die Schäden aufkommen. 220 Flüchtlinge sind in 52 von der Stadt angemieteten Wohnungen untergebracht. Das bleiben sie zurzeit auch noch nach Anerkennung ihres Asylantrags. Zwar wird dann das Jobcenter zuständig, aber „wir wollen die Menschen nicht in die Obdachlosigkeit entlassen. Deshalb zahlt das Jobcenter die Miete direkt an die Stadt“, so Reinken. Die Idee für einen Mietführerschein kommt aus Berlin. Dort hatte ein ähnliches Modell bereits Erfolg.

Der erste Termin fand gestern Nachmittag in der Küche der Nobiskrugschule statt. Rund ein Dutzend Flüchtlinge aus Syrien und Eritrea nahm teil. Viele von ihnen leben schon länger in Rendsburg und kennen sich mittlerweile aus oder besaßen die vorgestellten Haushaltsgeräte bereits in ihrer Heimat. Dennoch hörten alle Teilnehmer aufmerksam zu. Hin und wieder nickte jemand erkenntnisreich. „Auch wenn man schon viel weiß, etwas Neues ist immer dabei“, spricht Reinken aus Erfahrung. Wie Lebensmittel richtig im Kühlschrank verteilt werden, wusste er bis gestern ebenfalls nicht.

Die Dozenten werden von den Sponsoren des Kurses und der Stadt gestellt. Damit der Unterricht reibungslos verläuft, ist eine Dolmetscherin der Stadt dabei, die je nach Publikum auf Arabisch oder Persisch übersetzt. Damit auch Familien mit Kindern teilnehmen können, organisiert der Fachdienst zudem einen Fahrdienst und eine Betreuung bestehend aus einer Erzieherin und einer weiteren Übersetzerin. Die Themen der folgenden drei Termine werden vermutlich für alle neu sein. Dazu gehören Mülltrennung und ein Besuch der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Damit es keine Störungen der Nachtruhe gibt, wird zudem über die Hausordnung informiert. Und über das Raumklima. „Schimmel ist in der Wüste kein Problem“, pointiert Reinken. „Wie eine Wohnung gelüftet werden muss, wissen die wenigsten. Auch ist vielen nicht klar, was es kostet, wenn die Fenster bei aufgedrehter Heizung geöffnet sind.“ Der erste Kursus wird Mitte Mai abgeschlossen sein. Bei weiterem Interesse soll gleich im Anschluss der nächste folgen.

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