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Vorbildliches Projekt : Flüchtlinge in Nortorf: So geht Integration auf dem Fußballplatz

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

So verschieden die Syrer, Somalier und Eritreer auch sind: Alle mussten ihre Heimat verlassen – und sie lieben Fußball.

von
erstellt am 09.Apr.2015 | 06:00 Uhr

Nortorf | Gekonnt legt er den Ball am ersten Gegenspieler vorbei, dann am zweiten. Am dritten bleibt Ahmad Sulaiman hängen – ein unglücklicher Zusammenprall. „Nicht schlimm, geht gleich wieder“, sagt er auf Englisch. Der 23-Jährige ist einer von 15 Flüchtlingen, die sich jeden Sonntag auf dem kleinen Fußballplatz zwischen Heinkenborsteler Weg und Galgenbergsweg zum Kicken treffen. Die Männer sind zwischen 16 und 30 Jahre alt, kommen unter anderem aus Eritrea, Somalia, Syrien und dem Kosovo. Und so verschieden sie sind, so unterschiedlich ihre Geschichten, mindestens zwei Dinge haben sie gemeinsam: Alle mussten sie ihr altes Leben sowie Familie und Freunde in ihrer Heimat zurücklassen – und dann ist da noch die Begeisterung für Fußball.

Ins Leben gerufen hat den Fußballtreff Karl-Heinz Sawierucha. Eigentlich ist der 67-Jährige seit sieben Jahren in Rente. Im September aber hatte sein ehemaliger Arbeitgeber – das Amt für Soziales beim Amt Nortorfer Land – wieder bei ihm angeklopft. Seitdem kümmert er sich um die Betreuung der Asylbewerber in Nortorf. Insgesamt seien das rund 100 Menschen. Sawierucha hilft bei Behördengängen oder sonstigen Problemen des Alltags – und tritt zudem jeden Sonntag mit gegen den Ball. „Die Jungs wollten Fußball spielen“, erzählt er. Schnell war klar, dass es dafür einen Betreuer braucht. Genauso schnell stand fest, dass Sawierucha den Job übernimmt. „Ich habe 30 Jahre lang Fußball gespielt. Für mich ist es zusätzliche Bewegung, für die jungen Männer bedeutet Fußball zugleich Integration und Ausbruch aus dem Alltag.“

Ahmad kommt aus Syrien. Auch dort spielte er Fußball, studierte Anästhesie. Vor vier Monaten verließ er seine vom Bürgerkrieg zerrüttete Heimat und kam nach Nortorf. Es gefalle ihm hier, sagt er, gerne würde er sein Studium fortsetzen und weiter Fußball spielen. „In einer hohen Liga in Schleswig-Holstein, Holstein Kiel wäre klasse“, sagt der 23-Jährige und lacht. Vorerst profitiert der TSV Gnutz von seinem Talent. Ahmad ist einer von vieren aus der Gruppe, die seit kurzem zusätzlich in dem Nachbardorf mittrainieren. „Ich kann so Freunde finden und tue was für meine Gesundheit“, sagt der Syrer.

Jeden Sonntag treffen sich bis zu 15 Flüchtlinge aus Nortorf zum Kicken.
Jeden Sonntag treffen sich bis zu 15 Flüchtlinge aus Nortorf zum Kicken. Foto: dru
 

Auch Nadir Zahir ist mehrmals in der Woche in Sachen Fußball unterwegs. Er trainiert beim TuS Nortorf mit. Der 24-Jährige kommt aus der Kunduz-Provinz. „In Afghanistan habe ich für die Bundeswehr als Dolmetscher gearbeitet“, erzählt er. Deshalb sei er von den Taliban bedroht worden, fürchtete um sein Leben. Bei seiner Familie konnte er nicht leben – zum Schutz seiner Eltern und Geschwister. „Die Bundeswehr hat mir ein Visum gegeben. Am 20. August wurde ich nach Hamburg geflogen“, so Nadir. Jetzt arbeitet das Sprachtalent in Nortorf als Dolmetscher, hilft Sawierucha bei der Betreuung der Asylbewerber. „Ich bin zufrieden, weil ich hier sicher bin und sehr dankbar, dass mir geholfen wurde“, sagt der 24-Jährige.

Die Hilfsbereitschaft der Nortorfer hat sich auch an anderer Stelle gezeigt: „Wir hatten anfangs keine Sportausrüstung“, erinnert sich Sawierucha. Nach einem Aufruf in der Zeitung gingen neun Paar neue Fußballschuhe bei ihm ein, der TuS stattete die Sportler zudem mit T-Shirts aus. „Dazu kamen Spenden im Wert von insgesamt rund 800 Euro.“ Davon habe der 67-Jährige Trainingsanzüge und Turnhosen bestellt. „Es ist den Jungs sehr wichtig, sich ganz herzlich bei der Bevölkerung zu bedanken.“

Am anderen Ende des Feldes setzt ein junger Mann aus Somalia zum Einwurf an – einhändig und mit viel Schwung von hinten. „Du spielst wie ein Weltmeister“, ruft Sawierucha ihm zu. „Aber Einwerfen kannst du nicht.“ Während des Spiels tönt ein Sprachen-Mix über den Rasen. Arabisch, Englisch und Deutsch sind am häufigsten zu hören. Alle Flüchtlinge besuchen mehrmals in der Woche einen Deutschkursus. „Das klappt mit der Kommunikation auf dem Platz“, so der Betreuer.

Mit etwas Verspätung trudelt an diesem sonnigen Tag auch Bilal ein – auch er ist Syrer und zusammen mit seinem Bruder geflohen. „Das ist die Frau von der Presse“, erklärt ihm Sawierucha. Bilal lächelt, gibt die Hand zur Begrüßung und sagt eines der Worte, die er bereits aus dem Deutschunterricht kennt: „Willkommen!“

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