Rendsburg : Flüchtlinge fühlen sich „wie Gefangene“

Hamid Saljooghi aus Afghanistan und Ali Shahrabadi aus dem Iran.
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Hamid Saljooghi aus Afghanistan und Ali Shahrabadi aus dem Iran.

Kritik am Umgang in Gemeinschaftsunterkunft / Kreis bestreitet Vorwürfe

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18. Juni 2015, 11:39 Uhr

Die Gemeinschaftsunterkunft in der Kaiserstraße soll für Flüchtlinge eigentlich die erste Station für den Start in ein neues, friedliches Leben sein. Doch jetzt erheben einige der ehemaligen Bewohner Vorwürfe gegen die Mitarbeiter vor Ort. Die Asylbewerber fühlen sich schlecht behandelt, kritisieren den Umgang mit ihnen und sehen ihre Privatsphäre verletzt.

Hamid Saljooghi (32) ist seit fünf Monaten in Deutschland, vier davon hat er im Haus in der Kaiserstraße verbracht. Der studierte Medienwissenschaftler musste aus Afghanistan fliehen, weil er für die Menschenrechte gekämpft hat, die Taliban haben ihn verfolgt.


Hausmeister überprüft Zimmer


Was er und sein Zimmergenosse, der ungenannt bleiben möchte, in der Unterkunft erlebt haben, kann er nach allem, was er durchgemacht hat, nicht verstehen. Auf seine Frage, warum sie in dem Zimmer weder Decke noch Kopfkissen haben und wie sie in dem kleinen Raum zu zweit schlafen sollen, lautete nach seiner Schilderung die Antwort einer Mitarbeiterin des Kreises: „Wer hat euch denn gebeten, hierher zu kommen? Geht doch zurück, wenn es euch hier nicht gefällt.“ Solche Sätze hat der 32-Jährige angeblich schon öfter gehört, sie verunsichern ihn. Weiter berichtete der Afghane von einer täglichen Ausweiskontrolle, durch die er sich „wie ein Gefangener“ fühlte. Jeden Morgen haben Mitarbeiter um 7 Uhr an seine Zimmertür geklopft und kontrolliert, ob er noch da sei, berichtete er. Der Hausmeister sei mehrmals unaufgefordert ins Zimmer gekommen – auch wenn Hamid Saljooghi nicht da war. Er sieht darin einen massiven Eingriff in seine Privatsphäre – schließlich sei er als Flüchtling nicht automatisch kriminell.

Ali Shahrabadi (29), ein Rechtsanwalt aus dem Iran, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Zweieinhalb Jahre war die Kaiserstraße sein Zuhause, inzwischen hat er eine eigene Wohnung in Büdelsdorf. Wenn er von seinem Deutschkurs wiederkam, habe er den Hausmeister regelmäßig in seinem Zimmer vorgefunden. Dieser habe immer wieder neue Ausreden gefunden, warum er alleine in dem Zimmer war, so Ali Shahrabadi. Auch bei einem befreundeten Pärchen sei er mehrmals einfach in die Wohnungen gegangen. „Uns glaubt keiner, weil wir nur Asylanten sind. Aber auch wir haben ein Recht auf Privatsphäre. Wir sind keine Gefangenen in Rendsburg“, sagte er.


Kritik an Ausweiskontrollen


Der Kreis rechtfertigt den täglichen Besuch des Hausmeisters damit, dass überprüft werden müsse, ob die Zimmer sauber gehalten werden und sich die Bewohner an das Alkohol- und Rauchverbot halten. Das erklärte Sven Behrens, Fachgruppenleiter für Allgemeines Ordnungswesen beim Kreis, bei einem Besuch der Landeszeitung in der Unterkunft. Von täglichen Ausweiskontrollen will er nichts wissen. Papiere würden nur kontrolliert, wenn es dafür einen konkreten Anlass gebe, betonte er. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn Unbekannte sich in der Unterkunft aufhalten. „Hier wird kein Appell gemacht. Wir machen keine Anwesenheitskontrollen.“

Das Gebäude in der Kaiserstraße ist nur als vorübergehende Unterkunft für Asylbewerber gedacht. Länger als drei bis sechs Monate sollen die Bewohner eigentlich nicht bleiben. Von dort werden sie den umliegenden Gemeinden zugeteilt. Dass Asylbewerber länger dort wohnen, so wie es bei Ali Shahrabadi der Fall war, sei die Ausnahme. Frauen und Männer werden getrennt untergebracht, für Familien stehen Wohnungen zur Verfügung. „Außerdem bemühen wir uns, religiöse und nationale Befindlichkeiten zu berücksichtigen“, so Behrens.

Die Zimmer und Wohnungen sind spartanisch eingerichtet: Einfache Hochbetten, alte Schränke, kein Fernseher. Bis zu vier Bewohner können in den insgesamt zwölf Zimmern für Singles leben, zusätzlich stehen fünf Wohnungen für Familien zur Verfügung. Ein Gemeinschaftsraum mit Billardtisch, Fernseher und Sitzecke sind ebenfalls vorhanden. Internet und Telefon gibt es nicht.

Von der Unzufriedenheit einiger Bewohner scheint man beim Kreis nichts zu wissen. Behrens: „Die Zwischenunterkunft ist etwas Besonderes. Die Bewohner werden hier an die Hand genommen. Wir haben Ansprechpartner vor Ort, die bei Problemen helfen.“ Dagegen steht die Meinung einiger Asylbewerber. Sie könnten zwar verstehen, dass die Situation für die Ämter schwierig sei, trotzdem wollen sie nicht wie „Kriminelle“ behandelt werden. „Wir haben Schreckliches erlebt. Ich kam hierher, um mein Leben zu retten. In Afghanistan sterbe ich nur einmal, hier jeden Tag, wenn man mich so behandelt“, sagt Hamid Saljooghi und Ali Shahrabadi ergänzt: „Wir freuen uns, dass Deutschland uns aufgenommen hat. Wir sind aber keine Terroristen, wir sind nicht die Isis, wir sind nicht von der Mafia. Wir sind einfach nur Menschen, die Leben wollen.“

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