Vom Iran nach Rendsburg : Flucht auf der Suche nach Frieden

Der Weihnachtswunsch von Rozin Elias Abdulmaseeh: Dass ihr Mann und ihre Söhne bald nach Deutschland kommen.
Der Weihnachtswunsch von Rozin Elias Abdulmaseeh: Dass ihr Mann und ihre Söhne bald nach Deutschland kommen.

Eine junge irakische Christin floh vor Krieg und Repressalien. Aus dem Norden des Irak kam sie vor zwei Jahren nach Deutschland. Aber ihren Mann und die zwei kleinen Söhne musste sie zurück lassen.

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24. Dezember 2014, 07:00 Uhr

Frieden und Freiheit sind für die junge Frau keine leeren Worthülsen. Rozin Elias Abdulmaseeh hat beides gesucht – und in Deutschland gefunden. „Wir konnten nur heimlich Weihnachten feiern. Und wir mussten auch im Sommer ein Kopftuch tragen“, erinnert sich die Christin an die Repressionen im Irak. Dazu kamen die fortwährenden Kämpfe, die ständige Furcht um das eigene Leben und das der Familienangehörigen. Darum floh die damals 24-Jährige mit ihrem Vater aus dem Norden Iraks in den Norden Deutschlands. Allerdings hat sie einen hohen Preis gezahlt: Ihr Mann und die zwei kleinen Söhne musste sie zurück lassen und kämpft seitdem für eine Familienzusammenführung.

Rozin Elias Abdulmaseeh klagt nicht. Sie hat schnell Deutsch gelernt, gibt mit viel Freude an der Christian-Timm-Schule Sportunterricht für Mädchen. Sie jammert auch nicht, weil ihr irakischer Studienabschluss hier nicht anerkannt wird und will als nächstes eine Ausbildung beginnen. Aber wenn Rozin an ihre Söhne Farag (5) und Miron (3) denkt, schimmern ihre Augen feucht. Sie leben mit dem Vater Naswan in einem Zeltlager. „Dort haben sie keine Zukunft“, sagt ihre Mutter.

Christen sind inzwischen eine Minderheit im Irak (siehe Informationen am Ende). Die islamische Mehrheit bestimmt den Alltag. Bis 2003 konnten die Christen noch Gottesdienst feiern, dann wurde der Weg zur Kirche zu gefährlich. Auch die Vorschriften in Bezug auf Kleidung waren streng. Und Rozins Kette mit dem Kreuzanhänger wäre ein lebensgefährlicher Schmuck gewesen. Als die junge Frau dann auch nicht mehr als Sportlehrerin arbeiten konnte, wurde die Lage für die Familie immer aussichtsloser. Rozins Vater verkaufte das Haus und alle Habe. „Wir waren nicht reich“, sagt die junge Frau. Das Geld reichte nur für die Flucht von ihr und ihrem Vater.

2012 stiegen sie mit anderen Flüchtlingen auf einen LKW. „Kleine Kinder werden auf den Lastern nicht mitgenommen“, erzählt Rozin. Denn ihr Weinen könne auf die Flüchtenden aufmerksam machen. Nachts ging es durch die Türkei, durch Griechenland und schließlich nach Deutschland. Freunde hatten der Familie am Telefon von Sicherheit und guten Arbeitsbedingungen in dem europäischen Land berichtet. „Wir wollten schnell Geld verdienen und dann meinen Mann und die Kinder nachholen“, sagt die 26-Jährige mit leiser Stimme. Ein Plan, der scheiterte. Warum, kann sie gar nicht mehr genau nachvollziehen.

Denn vieles ging glatt: Nach einem Jahr waren sie und ihr Vater als Asylanten anerkannt, konnten Deutsch lernen, sich eine Wohnung in Rendsburg nehmen. „Drei Monate nach der Anerkennung kann man einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen“, erklärt Tatjana Owodow von der Migrationsberatung der Diakonie in Rendsburg. In diesem Zeitraum muss nicht nachgewiesen werden, dass Geld vorhanden ist, um die Nachzügler zu versorgen. Rozins Mutter und ihre kleine Schwester, die am Downsyndrom leidet, kamen auf diese Weise nach Deutschland. Der Zeitpunkt für den Antrag für Rozins Familie wurde verpasst. Jetzt müssen sie und ihr Mann die Reise nach Deutschland selbst zahlen. Doch der Iraker kann nicht mehr als Taxifahrer arbeiten, lebt im Zeltlager und hat kein Geld. Seine Frau müsste nachweisen, dass sie den Lebensunterhalt der Familie sichern kann – was aber noch nicht der Fall ist.

Eine verzwickte Lage. Einen Ausweg kann auch die Migrationsberaterin nicht erkennen. Aber Rozin sucht beharrlich weiter nach Möglichkeiten. „Ich denke immer an meine Kinder“, sagt die junge Mutter. Im Zeltlager sei es jetzt bitter kalt, weiß die Irakerin, die ab und zu kann mit ihrem Mann und den Söhnen telefonieren kann.

Rozin und ihre Eltern genießen den Frieden und die Freiheit in Deutschland. Die orthodoxen Christen werden Weihnachten mit Tannenbaum feiern und den Gottesdienst in einer evangelischen Kirche besuchen. Mit der Bitte um Erfüllung für Rozins größten Wunsch: Dass ihr Mann und ihre Söhne bald zu ihr nach Deutschland kommen können.

Hintergrund: Christen im Irak

> Elias Abdulmaseeh stammt aus einem Dorf nahe der nordirakischen Stadt Mosul. 70 Prozent der Bevölkerung waren hier früher Christen.

> Der Irak ist ein urchristliches Land, ein Land der Bibel, insbesondere in Bezug auf das Alte Testament. Das Paradies der Schöpfungsgeschichte und die Sintflut werden in einem Teil Mesopotamiens lokalisiert.

> Die Christen stellten seit dem 1. Jahrhundert einen zunehmenden Anteil der Bevölkerung. Erst nach dem Vordringen des Islam im 7. Jahrhundert fiel der Anteil unter die Hälfte.

> 2003 lebten noch rund 1,5 Millionen Christen im Irak, stellten fünf Prozent der Gesamtbevölkerung.

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