Abschied : Fast 40 Lehrer verlassen die Stadt

Vor dem Festsaal: Die Lehrer Tatjana Aschenbrenner, Thomas Nick, Gabriele Fleischer und Julia Führer (von links).
Vor dem Festsaal: Die Lehrer Tatjana Aschenbrenner, Thomas Nick, Gabriele Fleischer und Julia Führer (von links).

Waldorf-Pädagogen haben Stellen in ganz Deutschland gefunden. Sieben pausieren. Schließungsfeier morgen.

von
04. Juli 2018, 08:00 Uhr

Rendsburg | Vor den Sommerferien entlassen sie normalerweise ihre Absolventen ins Leben. In diesem Jahr gehen die knapp 40 Lehrer der Freien Waldorfschule Rendsburg selbst ab. Wegen einer Insolvenz des Trägervereins stellt sie als erste Waldorfschule in Deutschland und mit 68 Jahren als älteste in Schleswig-Holstein den Betrieb ein. Am Freitag, 6. Juli, müssen die Pädagogen dem Insolvenzverwalter ihre Schlüssel abgeben.

„Ich verliere meine dritte Klasse. Ich gebe sie in die Welt und bleibe hier übrig“, sagt Klassenlehrerin Gabriele Fleischer. Die 55-Jährige ist eine von sieben Lehrkräften, die nun eine berufliche Pause einlegen. „Ich brauche Zeit, um das zu verarbeiten – und bin beim Arbeitsamt.“ Auch die berufliche Perspektive von Tatjana Aschenbrenner ist offen. Sie fing vor einem Jahr in Rendsburg an. „Die Entscheidung, die Schule zu schließen, kam sehr spät“, sagt die 40-jährige Sport- und Klassenlehrerin. Das Ende zeichnete sich im April ab. Lehrer auf der Suche nach einer neuen Stelle bewerben sich aber meist im Februar und März, sagt Musiklehrer Thomas Nick. Zudem will Aschenbrenners sechsköpfige Familie nicht umziehen. Die anderen Lehrer verteilen sich über Deutschland, wechseln nach Berlin, Niedersachsen, Hessen und Bayern. Fast alle haben Stellen an Waldorfschulen gefunden. Pro Jahr werden in Deutschland 600 bis 800 neue Waldorf-Lehrer gesucht, berichtet Nick. „Hier gehen gute erfahrene Lehrer. Die Schulen freuen sich.“ Der 62-Jährige baut seine Tätigkeit als Dozent am Waldorflehrerseminar Kiel aus. Julia Führer und Ehemann Frank haben ihre Stellen als Lehrer der Waldorfschule verloren. Das Paar hat sein Haus verkauft, zieht mit seinen Kindern nach Hannover-Maschsee und fängt dort an der Waldorfschule an. „Der Immobilienmarkt in Rendsburg ist im Moment günstig für Verkäufer“, stellt die 38-Jährige fest. „Wir sind natürlich traurig. Aber gleichzeitig sind wir gespannt, was auf uns zukommt.“

An staatliche Schulen wechseln die wenigsten Lehrer. Etwa ein Drittel hat mit dem ersten und zweiten Staatsexamen zwar die Voraussetzungen dazu erfüllt. Aschenbrenner betont aber: „Wir haben andere Ansätze, hinter denen wir auch stehen.“ Führer: „Der Fokus liegt auf der ganzheitlichen Bildung des Menschen, nicht auf der Vorbereitung auf die Abschlüsse.“ Die Lehrer nehmen viele gute Erinnerungen mit. Fleischer: „Jeden Morgen in fröhliche Gesichter geschaut zu haben.“ Nick: „Es ist grandios, was man mitgestalten konnte.“ Aschenbrenner: „Das Miteinander ist bezaubernd.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen