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Märchen in Schleswig-Holstein (1) : Es war einmal eine Erzählerin

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Aus der Redaktion der Landeszeitung

Märchenerzählen ist immaterielles Weltkulturerbe geworden. Ingeborg Tophinke liebt überlieferte Geschichten und Sprache. Mit ihren Auftritten will sie den Menschen Freude bereiten.

„Wichtig ist, das man eine Geschichte so erzählt, als hätte man sie selbst erlebt“, sagt Ingeborg Tophinke. Sie hat in ihrem 78-jährigen Leben schon viele Erfahrungen gesammelt. Vor allem hat sie in den vergangenen Jahrzehnten aber schon viele Geschichten vor großem und auch kleinem Publikum vorgetragen. Der Ausspruch „erzähl’ mir doch keine Märchen“ sei eine Beleidigung der überlieferten Geschichten, findet sie. Denn diese können Lebenshilfe sein, unterhaltend oder auch spannend.

„Märchen sagen: Das Leben ist dazu da, um glücklich zu sein“, meint Ingeborg Tophinke strahlend. Sofort hat sie die passende Geschichte parat und schon gibt es eine private Märchenstunde über die „Zwei Hunde im Tempel der 1000 Spiegel“, eine Fabel aus Indien. Egal ob aus Japan oder Russland, aus Litauen, Irland oder Deutschland – Ingeborg Tophinke kann sie alle frei vortragen. Auf diese Weise klingen die alten überlieferten Erzählungen bei ihr frisch und lebendig.

„Ich erzähle Märchen, um den Leuten eine Freude zu bereiten“, lautet ihr Credo. Der Einwand, dass im Märchen manchmal schreckliche Dinge geschehen, entkräftet sie mit dem Argument: „Das ist eben wie im wirklichen Leben.“ Im wirklichen Leben musste die gebürtige Kölnerin und gelernte Buchhändlerin drei Kinder und ihre vielen Freunde bändigen. „Wenn ich nicht mehr konnte, habe ich Märchen vorgelesen“, erinnert sie sich. „Dann waren alle still.“

Diesen Effekt hat es auch heute noch, wenn die kleine, zarte Frau vor ihrem Publikum steht. Viel größer erscheint sie dann, so stark ist ihre Präsenz. Sie spricht ihre Zuhörer direkt an, sieht ihnen in die Augen, verleiht ihrer Stimme Stärke oder flüstert leise. Schon nach wenigen Minuten ist das Publikum im Bann ihrer Ausstrahlung. Das hat unter anderem dazu geführt, dass sie selbst vom Schleswig-Holstein Musik Festival engagiert wurde. „Aber die vergangenen zwei Jahre waren mau“, bedauert die Erzählerin. Doch jetzt werde die Nachfrage wieder größer. Vielleicht, weil Märchenerzählen immaterielles Weltkulturerbe geworden ist (siehe Kasten links). Auf jeden Fall gibt es weltweit Märchenerzähler, in Schleswig-Holstein sogar Schulen, an denen man es lernen kann.

Ingeborg Tophinke hatte sich bereits früh der Europäischen Märchengesellschaft (EMG) angeschlossen („Ich bin Mitglied Nummer 847“), dort zahlreiche Seminare belegt und viele Gleichgesinnte kennengelernt. Zum Beispiel Heinrich Dickerhoff, der einige Jahre Präsident der EMG war. „Wenn man selbst nicht an die Märchen glaubt, braucht man sie nicht zu erzählen“, soll er gesagt haben, und Ingeborg Tophinke stimmt dem voll und ganz zu. Allerdings: „Jeder muss herausfinden, wie er das Märchen erzählt“, lautet der Rat der Erzählerin Micaela Sauber aus Hamburg, bei der sie Seminare belegt hatte. Und deren Ansicht sie ebenfalls teilt. „Man muss die Geschichte in Worte fassen, die einem vom Munde fließen.“ Ingeborg Tophinke hält sich durchaus manchmal an die Wortwahl der Gebrüder Grimm. „Sie haben ein so schönes, klares Deutsch verwendet“, schwärmt sie für den Rhythmus und die Sprache der Sammler.

Sammler gab und gibt es immer noch. So hat die zierliche Erzählerin aus Eckernförde noch Marianne Klaar kennengelernt, die auf den griechischen Inseln unterwegs war und dort Märchen aufschrieb und übersetzte. „Die hatte eine Stimme, wenn die erzählt hat, zog es Ihnen die Socken aus“, ist Ingeborg Tophinke immer noch begeistert. Auch Frederik Hetmann, der vorzugsweise Märchen aus dem englischen Sprachraum, von Feen oder Indianern, sammelte, hat sie noch erlebt. „Er kam in Cowboystiefeln“ erinnert sie sich. Bevorzugt Märchen von Pferden, Drachen, Teufeln und auch starken Frauen erzählte dagegen Sigrid Früh. Die angesehene Märchen- und Sagenforscherin starb am 2. Dezember dieses Jahres. Sie trug gern mal in schwäbischer Mundart vor – so wie Ingeborg Tophinke inzwischen auch auf Platt erzählt.

25 Jahre lang haben sie und ihr Mann Georg in einem alten Haus in Westensee gelegt. Dort genau wie in Eckernförde fand sie Menschen, die ihr die norddeutsche Mundart näher brachten. „Die Sprache ist so viel liebevoller und herzlicher als Hochdeutsch“, schwärmt sie und setzt an, um das Märchen von „Ode un de Schlang“ vorzutragen. Ob es einen Unterschied zu den gängigen Märchen gibt? Ingeborg Tophinke nickt. „Aber ja. De leeve Ode“ ist so ganz anders als die zarten oder hochnäsigen Prinzessinnen. Sie ist eine handfeste Bauerntochter. Hier geht es wie in zahlreichen Märchen tatkräftig zur Sache. Aber wenn zum Beispiel die Hexe am Baum baumelt, würden die Kinder das nicht als grausam empfinden, weiß die Erzählerin von ihren Auftritten. Die Hexe war böse, also hat sie diesen Tod verdient. Genau wie Märchen Moralvorstellungen vermitteln, enthalten sie auch sehr viel Symbolik – auch die Zahlen: Drei, sieben und zwölf kommen immer wieder vor. Drei als göttliche Zahl, vier für die Erde (vier Jahreszeiten), zwölf für drei mal vier.

Und dann kommt die Erzählerin noch mal auf die Sprache zu sprechen. Das Argument, Kinder würden die alten Worte nicht verstehen, lässt sie auch nicht gelten. „Das stimmt nicht, die saugen alles in sich auf“, so ihre Erfahrung. Im Gegenteil, es sei wichtig, immer wieder dieselben Wendungen zu wählen. „Deutsch ist so eine wunderschöne Sprache“, erklärt sie begeistert. Das versuchen sie und ihr Mann auch im Deutschunterricht für Ausländer zu vermitteln. Fasziniert hat sie kürzlich die Lesung des Bosniers Saša Stanišic: „Das ist ein moderner Geschichtenerzähler“, sagt Ingeborg Tophinke. Ins Buch hätte er ihr geschrieben: „Niemals aufhören zu erzählen.“ Das wird sie auch nicht tun.

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erstellt am 27.Dez.2016 | 11:51 Uhr

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