Erster Schritt zur besseren Integration

'Was siehst du?' - Lehrer Henrik Homrighausen animiert die Kinder zum Sprechen. Soro (10, vorne rechts) arbeitet mit.  Foto: Beckwermert
"Was siehst du?" - Lehrer Henrik Homrighausen animiert die Kinder zum Sprechen. Soro (10, vorne rechts) arbeitet mit. Foto: Beckwermert

Islamischer Verein, Stadt und VHS gaben Startschuss für neue Deutschkurse / Kinder mit Migrationshintergrund lernen in Gymnasium Kronwerk

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08. April 2011, 07:56 Uhr

Rendsburg | Sie sind noch ein bisschen schüchtern, die sieben kleinen Deutschlerner. Es ist die erste Unterrichtsstunde im Gymnasium Kronwerk für Melike (11), None (8), Soro (10). Emirhan (9), Sefa (19), Abdul Karim (10) und Abdurrahman (10). Großes Zögern, als Lehrer Henrik Homrighausen sie auffordert, nach vorn zu kommen. "Was seht ihr auf dem Poster?", fragt er in die Runde. Als Erster fasst Abdul Kadir Mut: "Das Mädchen schreibt an die Tafel." Homrighausen ist zufrieden: Das war ein vollständiger Satz.

Mit der ersten Unterrichtseinheit fiel gestern der Startschuss für ein Projekt zur Förderung von Deutschkenntnissen, das auf die Initiative des Trägervereins der Rendsburger Zentrums-Moschee zurückgeht (wir berichteten). Bürgermeister Andreas Breitner (SPD) nahm die Idee auf, fand in der Volkshochschule (VHS) einen Kooperationspartner. Eine Stiftung, die nicht genannt werden will, unterstützt das Projekt mit 8000 Euro. Bis zu den Sommerferien bekommen dadurch nun insgesamt 52 ausländische Kinder die Chance, intensiv ihre Grammatik, Aussprache, Lesefertigkeiten und Satzbildung zu verbessern. Die Kinder sind zwischen sieben und 14 Jahre alt und türkischer, armenischer, polnischer, ungarischer, aserbaidschanischer und brasilianischer Abstammung. Sie werden in vier Gruppen je einmal die Woche für 90 Minuten unterrichtet. Der ausgebildete Pädagoge Henrik Homrighausen (31) von der Rendsburger VHS ist einer der Lehrer, die sie dabei anleiten.

Zum Projektstart hatte Breitner Vertreter der islamischen Gemeinden in Norddeutschland, der Nordelbischen Kirche, des Kieler Landtags, der VHS, der Moschee, des Gymnasiums Kronwerk und der Stadt eingeladen, sich über die Initiative zu informieren. Anerkennung gab es auf allen Seiten.

Bischof Gerhard Ulrich fand kluge Worte: "Deutschland ist ein Zuwanderungsland, und die Vielfalt der Kulturen ist ein Reichtum. Integration kann man nicht einfordern, sie muss auf Gegenseitigkeit basieren. Für ein gutes Miteinander brauchen wir die Sprache. Es ist wichtig, dass jeder dem anderen zuhören kann. Aber auch, dass alle einander erzählen können - von der eigenen Kultur." Ulrich fügte hinzu: "Meinen Segen hat die Sache. Denn hier fängt etwas an, das ganz sicher Schule machen wird."

Auch der Vorsitzende des Bündnisses der islamischen Gemeinden Norddeutschland in Hamburg, Ramazan Uçar, betonte das Miteinander: "Wir gestalten unsere Zukunft zusammen. Diese Kinder, die hier als Migranten Deutsch lernen, sind in Deutschland geboren, sie werden einmal für ihre Heimat dienen. Ich wünsche ihnen, dass sie Erfolg haben."

Als "positives Signal" wertete auch der Integrationsbeauftragte des Landes, Peter Lehnert (CDU), das zusätzliche Angebot an Deutschunterricht für Kinder mit Migrationshintergund.

Klar, dass Bürgermeister Andreas Breitner sich stolz zeigte. Stolz darauf, dass "Integration in Rendsburg nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sondern in konkreten Projekten mündet." Er werde die nächsten Wochen und Monate nutzen, um eine Nachfolgefinanzierung auf den Weg zu bringen, versprach Breitner. VHS-Leiter Rainer Nordmann bedankte sich bei Akin Simsek vom Islamischen Verein für die gute Zusammenarbeit und bei Kronwerk-Leiterin Renate Fritzsche für die Bereitstellung der Räumlichkeiten.

Auch wenn es im Vorfeld Schwierigkeiten gegeben hatte - der Islamische Verein wollte die Deutschkurse gern in der Moschee anbieten, doch VHS und Stiftung wollten dies nur außerhalb der Moschee unterstützen - diese Lösung akzeptieren nun alle beteiligten Parteien. Und ein weiter Weg ist es für Kinder wie Soro, Melike, None und die anderen vom Gymnasium bis zur Moschee nun wirklich nicht: Ein Blick aus den Fenstern des Klassenraums genügt - und sie sehen die gelben Minarette.

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