Einweihung : Erinnerung an das ewige Leben eines Nazi-Opfers

Bildhauer Manfred Sihle-Wissel präsentiert vor dem Fritz-Niemand-Haus an der Schleswiger Chaussee seine Bronze-Stele, die einen Hirtenstab darstellt.
Bildhauer Manfred Sihle-Wissel präsentiert vor dem Fritz-Niemand-Haus an der Schleswiger Chaussee seine Bronze-Stele, die einen Hirtenstab darstellt.

Bronze-Stele zu Ehren von Fritz Niemand enthüllt / Künstler erläutert die doppelte Symbolik

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11. Dezember 2017, 13:13 Uhr

Die Bronze-Figur sieht aus wie der große Buchstabe „T“. Sie steht in Rendsburg an der Schleswiger Chaussee – vor dem Fritz-Niemand-Haus, in dem zwölf überwiegend demenzkranke Menschen leben, sie werden betreut von der Pflege LebensNah. Die Stele soll einen Hirtenstab darstellen, wie er bei den alten Griechen gebräuchlich war. Sie nannten ihn Tau-Stab, da der Buchstabe T bei ihnen Tau heißt. Geistliche der Ostkirche verwenden ihn noch heute als Bischofsstab.

Bildhauer Manfred Sihle-Wissel (83) aus Brammer fertigte die Stele an und schenkte sie jetzt der Pflege LebensNah, um an ein Opfer des nationalsozialistischen Ideologie zu erinnern: an den Rendsburger Fritz Niemand, nach dem das Haus benannt wurde. Die Nazis ließen ihn 1936 aufgrund der Diagnose Schizophrenie zwangssterilisieren und Anfang 1944 in die Tötungsanstalt Obrawalde bei Meseritz im heutigen Polen transportieren. Fritz Niemand konnte fliehen, litt aber bis zu seinem Tod im Jahr 2012 unter seinen Misshandlungen. Nachdem er an Demenz erkrankt war, verbrachte er seine letzten beiden Lebensjahre in der Wohngemeinschaft „Lichtblick“ der Pflege LebensNah im Stadtteil Parksiedlung.

„Der Tau-Stab ist für mich ein Zeichen seines Glaubens“, sagte Manfred Sihle-Wissel bei einer Feier mit etwa 40 Gästen zur Übergabe der Stele. Der Tau-Stab diente Hirten als Stütze, während sie ihre Schafe hüteten. „Fritz Niemand wurde in der Nazi-Zeit drangsaliert. Nur sein Glaube war seine Stütze. Sein Glaube hat ihn buchstäblich aufrecht erhalten.“

Sihle-Wissel sieht in seiner Stele noch eine zweite Symbolik. Sie erinnert an eine ägyptische Hieroglyphe, die wie ein „T“ aussieht, auf dem ein Kreis liegt – das Anch-Kreuz. Die Ägypter glaubten, dass die Göttin Isis damit alles zum Leben, auch zum ewigen Leben, erwecken konnte. „Der Glaube brachte Fritz Niemand dazu, über seine eigene Existenz auf etwas Höheres zu schauen. Leben kann der, der Leben weitergibt und fördert.“ In diesem Sinne habe Fritz Niemand seinen Besitz an die Pflege LebensNah vererbt. Sihle-Wissel erläuterte: „Es ist eine schöne Vorstellung, wenn die Bronze nicht nur als Glaubensstütze steht, sondern auch für sein Leben und sein ewiges Leben.“

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