Auf Kerkelings Spuren : Er war dann mal weg

So sieht ein glücklicher Pilger aus: Eckard Reese am 12. Dezember auf dem Hamburger Flughafen. Seine Familie empfing ihn mit Rosen.
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So sieht ein glücklicher Pilger aus: Eckard Reese am 12. Dezember auf dem Hamburger Flughafen. Seine Familie empfing ihn mit Rosen.

3400 Kilometer in 125 Tagen: Schacht-Audorfs früherer Bürgermeister Eckard Reese pilgerte auf dem Jakobsweg nach Santiago.

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22. Januar 2018, 11:42 Uhr

3400 Kilometer zu Fuß in Richtung Spanien. Von Schacht-Audorf bis nach Santiago de Compostela. Ganz allein, ohne Vorbereitung, nur mit Rucksack und Wanderstock. Eckard Reese (65) hat eine außergewöhnliche Reise hinter sich. Als er am 8. August vergangenen Jahres aufbrach, um als Pilger den Jakobsweg zu wandern, wusste er nicht im Geringsten, was ihn auf der Strecke erwarten würde. Im Gespräch mit LZ-Mitarbeiterin Jana Walther erzählt der ehemalige Bürgermeister von Schacht-Audorf, was ihn zu dieser Pilgerwanderung bewegt hat und wie ihn die 125 Tage verändert haben.


Herr Reese, Sie standen kurz vor der Rente, als sie beschlossen haben, die weltberühmte Pilgerwanderung anzutreten. Was hat Sie dazu bewegt?

Als 2006 das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ rauskam, war bei mir bereits der Wunsch entstanden, so etwas auch einmal zu machen. Damals war ich aber noch voll im Berufsleben und auch als Bürgermeister tätig. Mit dem Anfang meiner Rentenzeit wollte ich das Ganze dann endlich in die Tat umsetzen. 23 Jahre lang war ich Geschäftsführer des Landesverbands der Lohnunternehmer, 18 Jahre lang Bürgermeister von Schacht-Audorf. Ich habe mein Leben lang unglaublich viel um die Ohren gehabt, der Kopf war immer voll. Ich war für alle da, nur für mich selbst nicht richtig. Das wollte ich mit dieser Reise ändern. Es sollte für mich ein Neuanfang werden.


Wie haben Sie sich auf die 3400 Kilometer Fußmarsch vorbereitet?

Um ehrlich zu sein: fast gar nicht. Ich habe weder trainiert noch großartig meine Route geplant. Ich bin am 8. August einfach losmarschiert. Von Familie, Freunden und Kollegen wurde ich noch feierlich verabschiedet. Das Präsidium des Verbandes hat mich mit einem Floß abgeholt. Beim Champagner-Frühstück ging es die Eider runter bis nach Breiholz. Da haben wir noch gemeinsam gegrillt und dann bin ich einfach losgelaufen. Rucksack auf und marschieren.


Wo haben Sie übernachtet?

Manchmal habe ich einfach irgendwo geklingelt – Das hat natürlich nicht immer geklappt. Dann waren da Jugendherbergen, Gaststätten oder aber einfach nur eine Parkbank. Einmal habe ich sogar in einem früheren Gefängnis geschlafen. Da waren sogar noch die Originalbetten aufgestellt.


Hatten Sie auf der Strecke jemals das Gefühl, nicht sicher zu sein?

Nein, niemals. Ich habe nie gedacht, dass ich nachts überfallen werden könnte oder Ähnliches. Meine Frau sagt immer: „Wenn du dran bist, bist du dran“. Ich wusste: Ich war noch nicht dran.

Was hat Ihre Familie dazu gesagt, dass Sie sich ganz allein auf dieses Abenteuer begeben wollen?

Meine Frau hat mir das zunächst nicht geglaubt. „Wie du morgens aus dem Bett steigst, wirst du das niemals schaffen“, sagte sie lachend. Als ihr und meinen Kindern dann bewusst wurde, dass ich es tatsächlich ernst meine, haben sie mich aber voll unterstützt. Einzige Bedingung: Ich musste ein Handy mitnehmen und eine App runterladen, mit der sie per GPS immer sehen konnten, wo ich mich gerade befand. Einmal die Woche habe ich mich bei ihr gemeldet. Aber immer erst dann, wenn ich es wollte. Kein fester Termin, kein fester Rhythmus.

Wie sah Ihr Tagesablauf aus?

Mit dem Sonnenaufgang bin ich meist losmarschiert. Vorher brauchte ich rund eine Stunde, um meine Sachen zusammenzusuchen, mich frisch zu machen und die Füße zu präparieren. Heute sind die übrigens immer noch taub. Das dauert wohl noch. Im Schnitt bin ich pro Tag 28 Kilometer gelaufen - Das waren meist acht Stunden.

Was hat die Pilgerwanderung mit Ihnen gemacht?

Zunächst einmal habe ich 13 Kilo abgenommen. Das ist aber natürlich nur ein netter Nebeneffekt. Alle Menschen, mit denen man engen Kontakt hat, sind im Kopf auf dem Weg dabei. Man ist ihnen gefühlt sogar noch näher, als wenn sie neben einem stehen. Das ist schwierig zu beschreiben – Das muss man selbst erleben, es ist einfach überwältigend. Alle meine Erwartungen wurden übertroffen. Während der Reise wurde mir immer mehr bewusst, dass es ein großes Geschenk ist, dass wir auf dieser Welt sind. Vieles ist für mich belanglos geworden. Ich konzentriere mich jetzt auf das für mich Wesentliche im Leben: Meine Familie, Freunde und Gesundheit.


Hatten Sie zwischendurch mal den Drang, einfach aufzugeben und den nächsten Zug nach Hause zu nehmen?

Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe es durch und durch genossen. Selbst, wenn es mal geschüttet hat. Nach einer Weile fängt man an, mit sich selbst zu reden – sogar in der dritten Person. Ich erinnere mich noch an einen wunderschönen sonnigen Tag, als ich durch Niedersachsen lief und an einer Wiese stehen blieb und die Natur genoss. Da sagte ich zu mir selbst: „Mensch, haben wir das gut.“


Wie war es für Sie, plötzlich wieder in der gewohnten Umgebung in Schacht-Audorf zu sein?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich noch Probleme damit habe, wieder richtig anzukommen. Als ich am 11. Dezember in Santiago angekommen bin, nahm ich gleich am Tag darauf den Flieger nach Hause. Meine Frau Katrin und meine Kinder bereiteten mir einen wundervollen Empfang am Flughafen. Das war ein besonderer Moment. Doch zurück in Schacht-Audorf ist es für mich schwierig, wieder im gewohnten Umfeld zu sein. Als ich letztens einkaufen war, musste ich nach einigen Minuten wieder rausgehen. Mir war das einfach zu viel mit den ganzen Menschen. Das braucht sicherlich noch Zeit. Am liebsten bin ich im Moment zu Hause bei meiner Familie oder mit unserem Hund spazieren.

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