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Landeszeitung

16. Dezember 2017 | 02:35 Uhr

Enkel würdigen den Mut ihres Großvaters

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Für Friedrich Otto Plagmann wurde ein Stolperstein verlegt

„Hätte ich geschwiegen und mich angepasst oder hätte ich Widerstand geleistet?“ Eine Frage, die sich der ehemalige Beamte Jens Plagmann des öfteren gestellt hat – ohne eine Antwort zu finden. Sein Großvater Friedrich Otto Plagmann hatte während der NS-Zeit jedoch eine klare Entscheidung getroffen. Der Arbeiter aus Schacht-Audorf engagierte sich in einer SPD-nahen Organisation und verteilte Flugblätter. Am 24. Juni 1936 wurde er verhaftet, zwei Tage später war er tot. Vergessen wurde er von der Familie aber nie. Gestern gedachten die Nachkommen des politisch engagierten Mannes, als vor dem Schacht-Audorfer Gemeindehaus ein Stolperstein für ihn verlegt wurde.

Über die Zeit nach der Ermordung wurde in seinem Elternhaus nie gesprochen, erinnert sich Jens Plagmann (Jahrgang 1942) aus Kiel. Sein Bruder Wolfgang (Jahrgang 1947) nickt. Wie die Witwe Gertrud Juliane Plagmann ihre sieben Kinder durchgebracht hat, wissen sie daher nicht. Die jüngste, Marie, war beim Tod des Vaters 15 Jahre alt. Sowohl die Großmutter als auch „Tante Mariechen“ hat Jens Plagmann noch kennen gelernt. Denn sein Vater, der eine Berlinerin geheiratet hatte und Soldat gewesen war, zog nach dem Krieg mit der Familie von Berlin nach Schacht-Audorf zurück.

„Zuerst haben wir bei Tante Hedi in der Kanalstraße gewohnt“, erinnert er sich. Hedwig war das älteste der sieben Kinder. Später lebte der Sohn des NS-Opfers mit seiner Familie bei Mutter Gertrud. Sie hatte 1950 eine Abfindung für den Tod des Mannes erhalten. Davon wurde in der Theodor-Storm-Straße ein Haus gebaut. Hier wuchs auch Wolfgang Plagmann auf, den der Beruf erst später in andere Städte verschlug und der gestern aus Diepholz angereist war.

In einer Partei engagiert hat sich Jens Plagmann nie. „Junge, binde dich nie politisch. Das könnte von Schaden sein“, hatte der Vater gewarnt. Urenkel Markus, Sohn von Jens Plagmann und Jahrgang 1969, sieht das schon wieder anders. „Zivilcourage ist wichtig“, erklärt er mit Blick auf Pegida. Er kommt aus der Jugendarbeit, ist heute Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Berlin. Ihn fasziniert die Geschichte des Urgroßvaters: „Das war ein Mann, der nach seinem Gewissen gehandelt hat.“ Die Verlegung des Gedenksteins hat der Museumsverein veranlasst. Durch die Beschäftigung mit der Dorfchronik und die Verlegung des Stolpersteins vor zwei Jahren für den ehemaligen KPD-Vorsitzenden von Schacht-Audorf, Friedrich Streich, seien sie dazu angeregt worden, erklärt Rolf Beth vom Museumsverein. Die Gemeinde übernahm die Kosten, und Gunter Demnig, Initiator der Stolperstein-Aktion, versenkte ihn eigenhändig zwischen den roten Pflastersteinen vor dem Gemeindehaus. Plagmann „blickt“ aber in eine andere Richtung als Streich – zur Dorfstraße, denn hier hat er gewohnt. „Doch die Hausnummer wissen wir nicht“, bedauert Beth. Man weiß auch nicht, ob der Widerstandskämpfer sich erhängt hat oder an den Folgen von Misshandlungen gestorben ist. Aber: „Er hat in schwierigen Zeiten Mut bewiesen“, erklärte Ralf Stegner. Der SPD-Landesvorsitzende war zur Feierstunde nach Schacht-Audorf gekommen. „Menschen wie Ihr Großvater werden in unserem Gedächtnis bleiben“, würdigte er Plagmanns Einsatz.

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