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Mittagstisch : Eine warme Mahlzeit und ein offenes Ohr

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die Rendsburger Tafel in der Materialhofstraße serviert fünf Mal in der Woche mittags eine warme Mahlzeit. Ein Besuch beim letzten Mittagstisch des Jahres 2016.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2016 | 18:00 Uhr

Es ist kurz vor 12    Uhr mittags. In dem rot geklinkerten Haus in der Materialhofstraße stehen die Tische bereit. Es riecht nach Sauerbraten, Knödeln und Kartoffeln. Die ersten Töpfe mit Soße werden aus der Küche zum Ausschank gebracht. So kurz vor dem Mittagessen herrscht Betriebsamkeit bei der Rendsburger Tafel. Zum letzten Mal in diesem Jahr wird gestern eine warme Mahlzeit ausgegeben.

Normalerweise kommen bis zu 14 Gäste, um sich mittags einmal satt zu essen. Heute sind es weniger. „Es ist Ende des Monats. Da gibt es Geld. Manche unserer Besucher gönnen sich dann lieber einmal etwas“, sagt Volker Siegling, Koordinator der Rendsburger Tafel. Leer bleiben die Tische aber nie.

Unter den Besuchern ist auch Anita Schonrock*. Sie isst regelmäßig in der Materialhofstraße. „Ich wüsste nicht, was ich ohne die Tafel machen würde“, sagt die Mittfünfzigerin. Sie ist Hartz-IV-Empfängerin und kommt mit dem Satz gerade so über die Runden. Dabei ging es ihr eigentlich immer gut. Als junge Frau schloss sie eine Ausbildung als Verwaltungskraft ab. Für die Familie steckte sie beruflich zurück. Ihre erste Ehe scheiterte. Kurzzeitig stand Schonrock allein da. Halt fand sie bei ihrem zweiten Lebenspartner. „17 Jahre lang waren wir zusammen“, sagt sie. „Dann wurde er schwer krank und ich pflegte ihn, bis er schließlich starb.“

Die ganze Zeit über arbeitete sie Vollzeit bei einem Unternehmen, bis ihre Abteilung geschlossen wurde. „Outsourcing nannte man das damals“, erinnert sie sich. Seitdem hangelt sie sich von Minijob zu Minijob. Eine feste Stelle zu finden, sei schwierig. „Es gibt immer jüngere Bewerber.“

Enge Freunde hat sie nur wenige. „Vor den meisten Menschen verheimliche ich meine Situation“, sagt Schonrock mit Tränen in den Augen. „Fremde stempeln einen sofort ab und schließen einen aus.“ Nach Gründen werde nur selten gefragt, Verständnis gebe es oft wenig.

Aufgeben kommt für Schonrock aber nicht in Frage. „Ich kämpfe, solange ich das kann.“ Manchmal sei es dennoch bedrückend, zur Tafel zu kommen. Wenn einer der Gäste länger nicht geduscht habe oder der Sitznachbar sehr betrunken sei. „Man sieht hier viele Schicksale“, sagt sie und blickt zu Boden. Solche Tage seien aber die Ausnahme. Die meiste Zeit über gibt ihr das Miteinander Kraft. „Man merkt, wie viel Herzblut alle Mitarbeiter hier reinstecken.“

So wie auch Heinz Rolle. Der Helfer arbeitet schon seit zwei Jahren bei der Tafel. Angefangen hat er damals als Ein-Euro-Jobber. Inzwischen leistet er seinen Bundesfreiwilligendienst bei der Einrichtung ab. Fünf Mal in der Woche serviert er mittags warme Mahlzeiten für Bedürftige und wünscht: „Guten Appetit“.

* Name von der Redaktion geändert

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