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Neue Deutsche : Eine Urkunde, die zu Tränen rührt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

57 Ausländer werden bei einer Feier des Kreises Rendsburg-Eckernförde eingebürgert. Viele Briten wollen derzeit Deutsche werden.

shz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 08:55 Uhr

Barbara Joyce Kemp zittert. Die Britin ist jetzt auch Deutsche. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl im Kreishaus, hält ihre Einbürgerungsurkunde in der rechten Hand, in der anderen einen Blumenstrauß. Ein Geschenk zu 60 Jahren Ehe, zu denen auch die Queen schon gratulierte (wir berichteten). Frau Kemp legt die Urkunde ab und wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Ich bin überwältigt“, sagt sie. „Erst die diamantene Hochzeit und jetzt die Einbürgerung.“ Eine dritte große Feier soll in diesem Jahr noch folgen: Im Oktober wird Frau Kemp 80 Jahre alt. Ihr Mann, Eric Kemp, ist jetzt ebenfalls Deutsch-Brite. Zusammen mit seiner Frau ist er einer von 57 ausländischen Mitbürgern, die am Freitagmittag bei einer Feier im Kreishaus deutsche Staatsbürger werden. In den vergangenen Jahren waren dabei Türken und Polen in der Mehrheit. Derzeit liegen die Briten vorn. Zwölf stehen allein bei dieser Feier auf der Liste.

Der Anlass für das stark gestiegene Interesse der Briten an einem deutschen Pass lässt sich mit einem Wort auf den Punkt bringen: „Brexit“. Der drohende Austritt der Briten aus der EU führt dazu, dass sich derzeit viele in Deutschland lebende Briten absichern wollen. Wer länger als acht Jahre im Land ist, kann die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen – und damit Unsicherheiten beim Aufenthaltsrecht und möglicherweise kosten- und zeitintensive Visaanträge vermeiden. „Auch unsere Tochter, die in Bayern lebt, lässt sich deshalb einbürgern“, sagt Frau Kemp, die mit ihrem Mann in Rendsburg wohnt.

Danyu Bi gibt ihre alte Staatsbügerschaft ganz auf. Mit dem Erhalt ihrer Einbürgerungsurkunde wird die Chinesin zur Deutschen. Die Groß Vollstedterin ist verheiratet mit Enrico Beckmann. Sich kennengelernt und geheiratet haben die beiden in China, wo Beckmann acht Jahre arbeitete. Als er vor drei Jahren nach Deutschland zurückkehrte, kam Danyu Bi mit. „Wir reisen gern durch die Welt“, sagt Beckmann. Mit einem deutschen Pass ist das einfacher.

Canan Göttel aus Schülldorf lebt seit 45 Jahren in Deutschland. „Ich war mit einem deutschen Mann verheiratet, war Mutter, Hausfrau und immer mit Arbeit beschäftigt“, erzählt die Türkin. Inzwischen sind die Kinder aus dem Haus. „Ich bin ein lebenslustiger Mensch. Ich will reisen und wählen.“ Einmal hat Göttel in ihrem Leben bereits gewählt. „Das war dieses Jahr. Ich war im türkischen Konsulat in Hamburg.“ Es ging um das Referendum für die Verfassungsänderung. Göttel lebt schon so lange in Deutschland, dass sie Türkisch zwar sprechen, aber nicht lesen kann. „Ich musste einen Mitarbeiter des Konsulats fragen, wo ich gegen Erdogan stimmen kann. Da haben sie gedroht, mich rauszuschmeißen.“ Am 24. September kann Göttel wieder abstimmen, ganz ohne Drohungen. Dann ist Bundestagswahl. „Ich bin eine eingebürgerte Türkin“, sagt Göttel. In beiden Ländern bleibe für sie immer ein Hauch von Fremdheit. Während sie spricht, werden ihre Augen feucht. „Ich könnte heulen“, sagt sie – und lächelt dabei.

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