Bauausschuss : Eine Stadtbahn, zwei Prognosen

Alle Plätze besetzt: Im Ratssaal war gestern Abend kein Stuhl mehr frei.
Alle Plätze besetzt: Im Ratssaal war gestern Abend kein Stuhl mehr frei.

Wie viele Fahrgäste sind auf der Strecke nach Seemühlen-Nord zu erwarten? Im Bauausschuss wurden gestern Abend völlig unterschiedliche Zahlen präsentiert.

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04. März 2014, 10:55 Uhr

Aussage gegen Aussage, Zahl gegen Zahl. Die politische Diskussion über Für und Wider einer Stadtbahn ist um einen Widerspruch reicher. Wie viele Fahrgäste würden die von der Landesweiten Verkehrsservicegesellschaft (LVS) in Aussicht gestellte Stadtbahn zwischen dem Bahnhof und Seemühlen-Nord täglich benutzen? Darum ging es gestern Abend im Bauausschuss. Im gut gefüllten Ratssaal, den zusätzlich zu den Mandatsträgern etwa 40 Bürgerinnen und Bürgerinnen bevölkerten, gab es zwei weit voneinander abweichende Antworten: Während ein Vertreter der LVS von „500 bis 650 Fahrgästen täglich“ sprach, kommt ein vom Busunternehmen T. H. Sievers, das den Stadtverkehr betreibt, in Auftrag gegebenes Gutachten auf nicht einmal 100 Personen. Unter anderem auf Grundlage dieser Daten soll die Politik nun entscheiden, ob es sich lohnt, den brach liegenden Schienenstrang in den Stadtnorden wiederzubeleben. Einen Beschluss fasste das Gremium nicht, man will sich fraktionsintern beraten.

Der Stadtverkehr Rendsburg unter Geschäftsführung von Peter Horn bot einen Gutachter aus Hamburg auf. Jan Fischer von „Hamburg-Consult“ legte dar, dass die Regionalbahn Seemühlen – Rendsburg – Kiel kein Ersatz für den innerstädtischen Busverkehr sei. Sie diene hauptsächlich den Pendlerströmen nach Kiel. Das Potenzial an Fahrgästen sei „überschaubar“. Vor einem Ausdünnen des Busnetzes nach dem Start einer parallel laufenden Stadtbahn warnte Fischer ausdrücklich: „Eine Zurücknahme des Busverkehrs zu Gunsten der Schiene würde den funktionierenden Stadtverkehr empfindlich treffen“, sagte er. Der Busverkehr sei weiterhin notwendig, um die Flächen zwischen den Haltepunkten der Bahn zu erschließen.

Stadtverkehr-Chef Peter Horn erntete wenig später Applaus, als er „Kannibalismus“ befürchtete, wenn neben den Bussen auch eine Bahn betrieben werde. „Ich weiß nicht, ob das gerechtfertigt ist angesichts der Steuergelder, die hier im Spiel sind.“ Rund vier Millionen Euro soll die Erneuerung der Strecke kosten, damit sie den Belastungen des Bahnverkehrs standhält. Diese Summe nannte Bauamtsleiter Frank Thomsen am Montag in einer Mail an die Bürgerinitiative für Lebensqualität Rendsburg Nord. Zum Großteil kommt das Geld vom Land. Der Rendsburger Eigenanteil beträgt 185 000 Euro. Durch Verpachten der städtischen Gleise an einen Träger des Schienenverkehrs könnte sich der Kämmerer diese Summe innerhalb von sechs bis sieben Jahren zurückholen. „Ab dem sechsten Jahr der Laufzeit würde die Stadt nur noch Einnahmen erzielen“, sagte Thomsen im Ausschuss.

Für die LVS stellte Jochen Schulz das Projekt einer Regionalbahn mit möglicher Verlängerung bis Seemühlen-Nord vor. „Wir geben Geld rein, aber kriegen noch mehr Fahrgäste“, versprach der Diplom-Ingenieur. Im Stadtnorden gebe es ein hohes Fahrgastpotenzial, die guten Anschlüsse nach Neumünster oder Schleswig wirkten sich ebenfalls positiv aus. Zudem spiele der Ausflugsverkehr eine immer wichtigere Rolle. Auf welcher statistischen Grundlage in seiner Behörde die mehr als 500 Fahrgäste pro Tag berechnet oder geschätzt wurden, ließ Schulz offen.

Im Bauausschuss war angesichts der Fakten verhaltene Skepsis zu spüren. Am deutlichsten wurde noch Axel Bornhöft, der direkt nach dem Vortrag des Sievers-Gutachters den Finger hob: „Wir reden über 100 Schienen-Fahrgäste am Tag?“, wollte der CDU-Mann wissen. „Dann können wir die Kiste doch eigentlich gleich abschließen, oder?“

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