Neues Leben nach Angriff : Trotz Amnesie und Rollstuhl: Eine Mutter aus Achterwehr nutzt ihre zweite Chance

<p>Melinda freut sich über den Schnee. Humor helfe im Alltag: „Vor kurzem habe ich das erste Mal einen Schneeengel im Garten gemacht. Okay, es war ein stehender Engel, aber das war ein tolles Gefühl.“</p>
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Melinda freut sich über den Schnee. Humor helfe im Alltag: „Vor kurzem habe ich das erste Mal einen Schneeengel im Garten gemacht. Okay, es war ein stehender Engel, aber das war ein tolles Gefühl.“

Ihr Ex-Freund prügelte sie in den Rollstuhl. Und doch führt Melinda L. heute ein besseres Leben und setzt sich für andere ein.

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13. Februar 2018, 21:58 Uhr

Achterwehr | Vor vier Jahren veränderte sich alles. Für Melinda L. begann ein zweites Leben. In doppelter Hinsicht. Vier Jahre ist es her, dass die mittlerweile 30-Jährige beinahe von ihrem Ex-Freund getötet wurde. Vier Jahre ist es her, dass sie jegliche Erinnerungen an ihr bisheriges Leben verlor. Amnesie. Durch die schweren Kopf- und Hirnverletzungen. Melinda sitzt seitdem im Rollstuhl. Auch das Rückenmark wurde verletzt. Der Täter mag sie nicht getötet haben, das Leben hat er ihr trotzdem genommen.

Sie wachte aus dem Koma auf, ohne zu wissen, wer sie ist, woher sie kommt, wer ihre Kinder sind, ohne zu wissen, was eigentlich geschehen ist und dass sie früher nicht im Rollstuhl gesessen hatte. Diese Erinnerungen werden nicht wiederkommen, sagen die Ärzte.

Entsetzliche Erlebnisse in der Vergangenheit

Eine Freundin erzählte Melinda, was passiert war. Sie soll die Beziehung mit dem gewalttätigen Mann kurz vor dem Angriff in ihrer eigenen Küche beendet haben. Einer ihrer Söhne musste alles mit anschauen. Versteckt unter einem Tisch. Er war damals fünf Jahre alt. Der Täter sitzt heute im Gefängnis. Die damalige Freundin sei ihr noch heute sehr fremd, sagt die 30-Jährige.

Als es Melinda wieder besser ging, begann sie nachzuforschen. Jetzt erzählt sie von ihrem früheren Leben, als wäre es nicht das eigene. Und während sie erzählt, stellt man sich unweigerlich die eigentlich unstellbare Frage: War dieser „Unfall“, wie sie die Tat selbst nennt, vielleicht sogar eine zweite Chance? Denn was die siebenfache Mutter über ihr Leben herausfand, ist kaum erträglich.

Von ihrem Vater wurde sie sexuell missbraucht. Mit drei Jahren holte man sie aus dem Elternhaus heraus. Sie kam in ein Heim, zu mehreren Pflegeeltern. Wurde auch dort vergewaltigt. Mit 21 Jahren hatte die gebürtige Kölnerin sieben Kinder zur Welt gebracht. Einige von ihnen sind pflegebedürftig. Durch ihren Ex-Mann war sie nach Schleswig-Holstein gekommen.

Immer wieder sei sie an gewalttätige Männer geraten. Und sie war krank: Depressionen, Borderline-Störung, psychologische Behandlung. Ihrer Rolle als Mutter wurde sie irgendwann kaum noch gerecht. „Ich habe Unterlagen gefunden. Das Jugendamt war kurz davor, mir meine Kinder wegzunehmen“, berichtet die 30-Jährige, die seit zwei Jahren bei Achterwehr lebt. „Ich habe alles gelesen und gemerkt, da ist doch so einiges verkehrt gelaufen.“

Komplette Wesensänderung

Dann kam der Angriff und alles wurde anders. Sechs Hirn-Areale seien dabei geschädigt worden. Besonders der Bereich, der für das Gedächtnis zuständig ist. Mit den Erinnerungen an ihr früheres Leben, an die Qualen aus ihrer Kindheit und aus ihrer Jugend, sind auch die Depressionen verschwunden.

Auch sonst hat sich die 30-Jährige verändert. Sie ist jetzt Linkshänderin. Sie war gläubig – heute kann sie mit Religion nichts mehr anfangen. Ihre Arme sind voller Cover-Up-Tattoos. Sie hat sie sich selbst gestochen. Die alten Motive? Sie gefielen ihr einfach nicht mehr.

<p>Melinda L. treibt heute viel Sport – das Bogenschießen ist dabei nur eine Disziplin. </p>
Foto: Privat

Melinda L. treibt heute viel Sport – das Bogenschießen ist dabei nur eine Disziplin.

Früher hatte Melinda keinen Antrieb. Jetzt treibt sie Rollstuhlsport – Leichtathletik, aber auch Basketball, Hunderennen oder Bogenschießen. Die Gedanken würden dann Ruhe geben, sagt sie. Das tue gut. In einer Vitrine im Flur bewahrt sie all ihre Medaillen und Pokale auf. Eingeschränkt fühle sie sich durch den Rollstuhl nicht. Sie kenne es schließlich nicht anders.

Außerdem engagiert sich die siebenfache Mutter für andere. Auf ihrer Facebook-Seite berichtet sie seit zwei Jahren über ihr Leben im Rollstuhl, sie gibt praktische Tipps für andere Menschen mit Behinderungen und Opfer häuslicher Gewalt. Ihr nächstes Ziel: Ein Verein von und für Rollstuhlfahrer. Unterstützung im Alltag und Ansprechpartner beim Thema Barrierefreiheit. Denn gerade da gebe es in Kiel und Umgebung noch viel zu tun, berichtet sie.

Warum sie das alles tut? „Mir hat man nach meinem Unfall auch geholfen, Ärzte, Ämter – jetzt will ich anderen helfen und zeigen, dass man sich trotz Rollstuhl nicht verstecken muss und ein erfülltes Leben haben kann.“

Die 30-Jährige ist wieder verheiratet. Ihr Ehemann helfe ihr sehr. „Ich führe heute ein besseres Leben, bin eine bessere Mama. Und doch hat dieser Mann mir mein Leben genommen“, sagt die 30-Jährige über ihren Ex. Auch wenn das Wissen um ihre Vergangenheit keine Gefühle bei ihr auslösten – ihre Gedanken kreisten doch ständig darum. Was ist noch alles passiert? Wie tief sollte man bohren und wie fühlt es sich wohl an, Mutter zu werden?

„Ich kenne meine Kinder seit vier Jahren, sie kennen mich ihr ganzes Leben. Das war am Anfang sehr schwer.“ Zuhause habe sie sich zunächst fremd und ängstlich gefühlt. „Jetzt bin ich froh und stolz, dass ich ihre Mama sein kann.“
 

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