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Mietnomaden : Ein Schrei nach Hilfe, der zum Himmel stinkt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Eine vermüllte Wohnung und die Folgen: Eine verschwundene Mieterin aus Rendsburg verursacht hohe Kosten für den Vermieter.

von
erstellt am 14.Aug.2014 | 15:47 Uhr

Rendsburg | Eine Wohnung, zugemüllt bis fast unter die Decke: Das Foto in der gestrigen Ausgabe der Landeszeitung sorgte in Rendsburg für Aufsehen. „So extrem haben wir das glücklicherweise noch nie erlebt“, sagt Olaf Paulisch. Auch Torsten Gerdom sieht das Ereignis eher als Einzelfall denn als Massensyndrom. Gebäudemanager, Makler und auch Hans-Jürgen Schröder von Haus & Grund sind sich darin einig, dass ein solches Verhalten ein Schrei nach Hilfe ist. Allerdings einer, der für den Vermieter sehr teuer wird.

Leere Nutella-Gläser, Joghurt-Becher, Milchkartons stapelten sich neben dem Sofa. Im Bad haufenweise Hygiene-Müll. Es stank zum Himmel und war für die Aufräum-Mannschaft kaum auszuhalten. Mit zehn Mann rückte Gebäudereiniger Siegfried Boehm gestern an und füllte – eng gepresst – einen ganzen Container. Was zurück blieb, waren ein ekelerregender Geruch und eine dicke dunkle Kruste auf den Badezimmer-Fliesen. Putzmittel sind hier zwecklos: Neuer Boden, neue Kücheneinrichtung, neue Sanitäranlagen und neue Wandfarbe sind nötig.

„Das bedeutet hinterher eine komplette Renovierung“, sagt Wilfried Pahl von der Baugenossenschaft Mittelholstein (bgm). Ein fünfstelliger Betrag komme da schnell zusammen. Auch Makler Torsten Gerdom von der Immobilien-Börse in Büdelsdorf rechnet mit hohen Kosten: Entsorgung mindestens 5000 Euro, Sanierung an die 10.000 Euro, dazu ein Zahlungsrückstand bei der Miete. „Wie oft kann ein Vermieter einen solchen Verlust verkraften?“, fragt er sich. Denn: „Der Vermieter bleibt auf seinen Kosten sitzen“, lautet die Erfahrung des Vereins Haus & Grund. Wenn der Hauseigentümer vor Gericht Recht erhält und damit einen sogenannten Titel, kann der Gläubiger den Schuldner bis zu 30 Jahre lang an seine Verpflichtungen erinnern. Aber Olaf Paulisch von der Firma GMI (Gebäudemanagement und Immobilien) formuliert es drastisch: „Versuchen Sie mal, einem Nackten in die Tasche zu greifen.“

Schließlich, so die Erfahrungen der Männer aus der Immobilien-Branche, sind die Mieter meist arbeitslos. Ihre Probleme sehe man den Menschen nicht an, weiß Wilfried Pahl, „das entwickelt sich.“ Olaf Paulisch beschreibt es als Abwärtsspirale: Erst verlieren die Menschen den Job, dann die Perspektive, dann rutschen sie sozial ab. Die aussichtslose Situation spiegele sich schließlich in der Wohnung wider. „In so einem Fall brauchen die Betroffenen Hilfe“, so Paulisch.

Die Mieterin, eine allein lebende Frau, die von Nachbarn auf Mitte 30 geschätzt wird, ist verschwunden. Sie hatte offenbar monatelang ihren Müll nicht entsorgt. Zum Schluss muss sie auf einem Sofa im Wohnzimmer übernachtet haben – es ist neben der Kloschüssel die einzige halbwegs freie Fläche auf etwa 50 Quadratmetern.

Allerdings, so schätzt Torsten Gerdom, gäbe es in den vergangenen Jahren nicht eine Zunahme derartiger Vorkommnisse, sondern nur vermehrt Berichte darüber. „Ich sehe mehr gute als schlechte Fälle“, sagt er. Fälle, in denen Mieter die Wohnung tipptopp hinterlassen. Fälle, in denen private Vermieter Menschen eine Chance geben. Wer nur ein oder zwei Häuser besitze und damit nicht über einen so großen finanziellen Hintergrund wie große Gesellschaften, gehe damit ein Risiko ein.

In diesem Zusammenhang bricht er eine Lanze für die Kaution: Wer Geld dafür oder für einen Makler gezahlt habe, gehe meist sorgsam mit der Wohnung um, so seine Erfahrung. Bei der Baugenossenschaft Mittelholstein, die für 4000 Wohnungen im Kreis Rendsburg-Eckernförde und Kiel zuständig ist, muss man Genossenschaftsanteile zeichnen. Was sowohl Torsten Gerdom als auch Olaf Paulisch wundert: Warum haben die Nachbarn sich nicht eingeschaltet? Denn sie müssen diesen „Hilfeschrei“ gerochen haben.

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