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Rendsburg-Eckernförde : Ein offenes Ohr für Kriminal-Opfer

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Weißer Ring präsentiert Jahresbilanz 2014: Sexualdelikte am häufigsten. Stalking-Opfer sollen künftig besser geschützt werden.

Auf einmal ist nichts mehr wie es einmal war, das Leben hat sich schlagartig verändert. So ging es im vergangenen Jahr auch 284 Opfern von Kriminalität, die beim Weißen Ring in Rendsburg-Eckernförde Hilfe suchten. Gestern Vormittag stellte der gemeinnützige Verein im Kreishaus seine Bilanz für das Jahr 2014 vor.

Die Bandbreite der Straftaten, deren Opfer Hilfe suchten, reicht von Sexualdelikten (72), Diebstahl und Einbruch (53), Körperverletzung (45) bis hin zu Betrug (22). Auch aufgelistet wurden 16 Stalking-Fälle, 15 Raub-Opfer, sowie Angehörige von sechs Tötungsdelikten. Aufgeführt waren außerdem 38 „sonstige Fälle“.

„Häufig sind es kleine Gesten, die helfen“, berichtet Uwe Rath, Leiter der Außenstelle Rendsburg-Eckernförde. Die Helfer müssten vor allem aktiv zuhören und daraus Zuwendung für die Opfer entwickeln, damit diese Vertrauen schöpfen können. Insgesamt 15 ehrenamtliche Mitarbeiter standen den Opfern in über 2900 Stunden zur Seite. Außer der Möglichkeit sich aussprechen zu können, bekommen die Opfer beim Weißen Ring ganz konkrete Hilfeleistung. „Wir fungieren als Lotse im Hilfenetz“, beschreibt Rath die Aufgaben. „Wir begleiten die Betroffenen beginnend unmittelbar nach der Tat bis zur Gerichtsverhandlung und noch danach.“ So helfen die Ehrenamtler unter anderem dabei, Anträge nach dem Opferentschädigungsgesetz zu stellen. Zudem wurden etwa 25  000 Euro an die Opfer ausgezahlt, um die unmittelbare Not nach der Tat zu lindern.

77,5 Prozent (220 Personen) der Betroffenen war im vergangenen Jahr weiblich. 257 Opfer waren über 18 Jahre alt, 14 Opfer zwischen 14 und 18 Jahre und 13 Opfer jünger. „Die Fälle, in denen Kinder betroffen sind, gehen besonders an die Substanz“, so Uwe Rath. Jedoch sei kein Fall Routine, berichtet Helferin Maren Buhmann. Besonders schwierig ist für sie und Ehrenamtlerin Angelika Leitzbach der Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs. „Oft hilft es zuzuhören und den Betroffenen zu glauben, was sie erzählen. Man sieht den Menschen an, dass ihnen etwas Schlimmes passiert ist“, berichten die beiden. Um für ihre Schützlinge immer zur Stelle sein zu können, geben sie diesen Festnetz- und Handynummern. „Wenn es hart auf hart kommt, sind wir auch nachts einsatzbereit. Das kommt allerdings selten vor.“ Die Treffen mit den Opfern finden meistens in deren heimischer Umgebung statt. Im Durchschnitt dauert die Betreuung zwischen vier und sechs Wochen.

Die Außenstelle Rendsburg-Eckernförde ist die größte in Schleswig-Holstein. „Aktuell haben wir mit 17 Helfern die meisten Mitarbeiter und die meisten Fälle im Land“, so Uwe Rath. Erfreut ist er über eine aktuelle Bundesratsinitiative, die eine Überarbeitung des Stalking-Paragrafen im Strafgesetzbuch vorsieht. Bisher müssen die Opfer nachweisen, dass ihre Lebensgestaltung durch die Nachstellungen des Täters schwerwiegend beeinträchtigt wurde. Erst dann können sie sich mit Aussicht auf Erfolg rechtlich zur Wehr setzen. „Die Gerichte erkennen bisher in der Regel nur einen Umzug oder den Wechsel des Arbeitgebers als eine solche Beeinträchtigung an“, so Rath. „Der Paragraf ist für die Opfer momentan also nicht verwertbar.“ Die Initiative sieht eine Lockerung vor, nach der es reichen soll, dass die Lebensgestaltung des Opfers in irgendeiner Weise beeinträchtigt ist. Ziel des Weißen Rings ist es darüber hinaus, dass Stalking und auch Wohnungseinbrüche in den Anwendungsbereich des Opferentschädigungsgesetzes (OEG) fallen. Bisher hat nur Anspruch auf OEG-Leistungen, wer infolge eines vorsätzlichen und rechtswidrigen Angriffs einen gesundheitlichen Schaden erleidet. Psychische Folgen werden derzeit nicht berücksichtigt. Die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert laut Rath sehr gut. „Es ist wichtig, dass die Polizei den Kontakt zu uns herstellt, wenn das Opfer es wünscht. Denn selbst schaffen sie diesen Schritt oft nicht.“ Stoßen die Mitarbeiter des Weißen Rings an ihre Grenzen, gibt es in Schleswig-Holstein vier Trauma-Ambulanzen: in Kiel, Schleswig, Lübeck und Elmshorn. Aktuell arbeiten die ehrenamtlichen Helfer an 82 neuen Opferfällen. Die Bereitschaft zu helfen ist groß – es gibt sogar eine Warteliste.

 

 

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erstellt am 31.Mär.2015 | 05:45 Uhr

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