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Langer Tag der Kultur : Ein frivoles Festmahl für Zunge und Fantasie

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Die literarisch-lukullische Lesung im Jüdischen Museum zwischen Essen und Erotik war ein Fest der Sinne.

Essen und Erotik sind Themen, die das Leben und Überleben der Menschheit bestimmen. „Von Langusten, Lauch und Libido: Ein Fest der Sinne“ hatte Anja Meisner, seit einem Jahr Regieassistentin am Landestheater, ihr erstes eigenes Projekt überschrieben. Diese Premiere war zugleich ein gelungenes Beispiel ihres Könnens. Es öffnete fantasiereich neue Erlebnisräume und Erkenntnisse. Eine davon: Museum und Theater passen bestens zusammen.

Dass dieses Festmahl nicht zu einem Gelage wurde, ist auch dem Ort zuzuschreiben: In dieser Klarheit wurden im früheren Betsaal des Jüdischen Museums Rendsburg wohl kaum Vergangenheit und Zukunft verkuppelt. „Appetit und Sex sind die großen Beweger der Geschichte, sie bewahren die Spezies und pflanzen sie fort, verursachen Kriege und Lieder, beeinflussen die Religionen, das Gesetz und die Kunst. Die ganze Schöpfung ist ein ununterbrochener Prozess von Verdauung und Fruchtbarkeit; alles lässt sich auf Organismen reduzieren, die einander verschlingen, neu schaffen, sterben, die Erde fruchtbar machen und verwandelt wiedergeboren werden. Blut, Samen, Schweiß, Asche, Tränen und die unheilbare poetische Einbildungskraft der Menschheit, die nach dem Sinn sucht…“

Reichlich Stoff, um die Fantasie anzuregen. Genau das hatte Anja Meisner auch beabsichtigt. Sie lotete Grenzen aus, auf die Karin Winkler und Reiner Schleberger gekonnt aufmerksam machten. Am Beispiel eines mehrgängigen Festmahls zeigten beide den Weg aus verklemmter, puritanischer Vorzeit bis in die freizügige Gegenwart. Damals wurden Tischbeine mit Überzügen versehen, um allzu schlechten Gedanken vorzubeugen. Junge Damen durften in ihren Zimmern ja kein Bild von einem Mann an die Wand hängen – er könnte sie ja beäugen, wenn sie sich auszogen.

Ihres Aussehens wegen sind Auster, Banane, Erdbeere, Gurke, Mango und Spargel zu Synonymen für Sex geworden. Erläutert wurde das mit Szenen aus dem täglichen Leben: Sie boten reichlich Möglichkeiten, das weiterzudenken, was Karin Winkler und Reiner Schleberger gerade vorgetragen hatten.

Zugehört wurde liegend, sitzend, hockend oder stehend auf dem roten Teppich. Immer wieder wurde im restlos gefüllten Museumssaal – ob als Ausdruck von Selbsterkenntnis oder in Erinnerung an Szenen aus dem Privatleben – zustimmend gelacht. Reichlich Möglichkeiten zu praktischer Erfahrung gab es auch. Museumschef Christian Walda und fleißige Helferinnen aus dem Haus servierten zu jedem Gang Probierhäppchen. Dabei kam auch das Trinken nicht zu kurz. Karin Winkler, neu im Ensemble des Landestheaters, hatte sichtlich Spaß daran, mit Augenzwinkern Erotik-Früchte zu verteilen oder selbst zu verspeisen. Ein weites Feld für Fantasie: „Ihr seid zu früh, aber das kommt vor!“ stoppte sie einen Serviergang des Museumspersonals. Schauspielkunst vom Feinsten.

Mit nach Hause nehmen konnte man die Erkenntnis, dass langsam wachsende Beziehungen, Annäherung und gegenseitige Wertschätzung zu erhöhtem Lustgewinn beitragen. Das beglückte nicht nur Anja Meisner, die sich auf weitere Vorstellungen freut. Intensive Gespräche bei Gitarrenmusik schlossen den Abend ab. Das Theater ist in Rendsburg angekommen! Wiederholungen sind unbedingt erwünscht.
 

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