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Ein Bürgerrechtler an der Seite Nelson Mandelas

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Denis Goldberg kämpfte gegen die Apartheid / Gestern sprach er vor Schülern des Kronwerk-Gymnasiums

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2016 | 11:44 Uhr

Schuld sei Fräulein Cook. „Man kann sagen, dass sie mich ins Gefängnis gebracht hat.“ Denis Goldberg (83) aus Kapstadt sagt das mit unverhohlener Freude. Denn seine ehemalige Lehrerin hat ihm beigebracht, dass Humanität und Mitgefühl unteilbare Werte sind, die für alle Menschen gelten.

Klein, gebeugt, die Hosenträger verrutscht, auf einen Stock gestützt, aber mit flinken Schritten. In Hollywood sehen Terroristen, zu lebenslänglich Verurteilte, anders aus. Denis Goldberg ist ein Beispiel dafür, dass man als Demokrat und Humanist zu einem gefährlichen Mann werden kann, wenn man nur an seinen Werten festhält. Vor den Schülern der neunten und zehnten Klassen des Gymnasiums Kronwerk sprach Goldberg gestern über das rassistische Apartheid-Regime in seiner Heimat Südafrika, über seinen lebenslangen Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit und über seinen Weggefährten Nelson Mandela. „In meinem Land gab es eine Unterscheidung nach Weißen, Indern und sieben verschiedenen Arten von Farbigen – unglaublich.“ Goldberg ist heute noch erschüttert und erstaunt über die rassistische Differenzierungswut der damaligen Machthaber.

Er wird zunächst Ingenieur, will Brücken bauen. Aber schnell stellt er fest, dass er einen anderen Weg gehen muss, um Menschen zu verbinden. Er wird Mitglied des African National Congress (ANC) um Nelson Mandela und protestiert gegen die Verhaftung von 20  000 Farbigen, die gegen unmenschliche Passgesetze demonstriert haben. Dafür kommt er zum ersten Mal ins Gefängnis – wo er auf seine ebenfalls inhaftierte Mutter trifft. 1969, nach dem Massaker von Sharpeville, bei dem 69 Farbige durch die Polizei von hinten erschossen wurden, schließt er sich der Untergrund-Armee des ANC an. „Ich wurde gefragt, ob ich nicht mitmachen würde, und ich konnte nicht nein sagen“, erklärt Goldberg den Schritt in den Untergrund so gut er kann. Ausgerechnet Brücken sollte der Brückenbauer sprengen. Gegen Menschen richtete sich die Gewalt nie. Er wird zum Waffeningenieur für den kommenden Aufstand, doch vorher werden er und der gesamte Führungskader des ANC verhaftet. „Zum Glück“, sagt Goldberg heute.

Denn Nelson Mandela verfolgt in der Untersuchungshaft eine andere Strategie. „Mandela wollte vor Gericht zeigen, wer die wirklichen Terroristen sind“, erinnert sich sein Mitstreiter und wiederholt eine Passage aus dessen Verteidigung. „Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Mein Ideal ist eine Gesellschaft, die in Gleichberechtigung lebt. Für dieses Ideal bin ich bereit zu sterben.“ Ein Gänsehaut-Moment im Foyer des Kronwerk-Gymnasiums. In diesem Moment habe er keine Angst gespürt, nur Stolz. Dabei drohte allen Angeklagten die Todesstrafe wegen Hochverrats. Verurteilt werden sie schließlich wegen Sabotage. Goldberg, damals 31 Jahre alt, erhält vier mal lebenslänglich. Vor dem Gerichtssaal trifft er seine Mutter. „Was hast du bekommen, Denis?“, fragt sie verzweifelt, und Denis antwortet: „Das Leben, Mutter, und das Leben ist wunderschön.“

22 Jahre verbringt Goldberg im Gefängnis. Die Apartheid ist Vergangenheit, Südafrika ist ein demokratisches Land geworden. „Aber überall in der Welt gibt es Kräfte, die die Demokratie abschaffen wollen“, mahnt er. Für ihren Erhalt zu kämpfen, dass sei Aufgabe der jungen Generation. „Lest, bildet euch, diskutiert – und organisiert euch. Niemand schafft das allein“, gibt er den Schülern auf den Weg. Dann entschuldigt er sich. Er sei jetzt ein bisschen müde. Von den Schülern erhält der Mann mit der weiten Anreise viel Applaus.  

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