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Ehrentitel „Crassus“: Die vielen Talente des genialen Otto Carstens

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2013 | 00:31 Uhr

Wenn Schüler ihren Lehrern Spitznamen geben, dann sind die selten schmeichelhaft. Bei Otto Carstens (Foto), über drei Jahrzehnte Lehrer an der Herderschule, war das anders. „Crassus“ war als Ehrentitel gedacht, aber doch eher unpassend. Denn Otto Carstens hatte nichts Staatsmännisches, er hätte eher den Namen eines römischen Gelehrten verdient, obwohl er vom Typ her unüberseh- und unüberhörbar ein Sohn seiner Dithmarscher Heimat war. Die Westküste hat im Lauf der Jahrhunderte auffallend viele geniale Menschen hervorgebracht. Crassus war einer von ihnen. Bedauerlicherweise ist sein Intelligenzquotient unbekannt geblieben.

Latein und Griechisch sprach er ähnlich perfekt wie Plattdeutsch. Es blieb ihm ein ewiges Rätsel, dass Primaner Ovids Metamorphosen und Cäsars Gallischen Krieg nicht ähnlich zügig lesen konnten wie Goethes Faust.

Er hatte die 40 schon überschritten, als ihm das Kieler Kultusministerium mitteilte, dass die beiden alten Sprachen für den Unterricht nicht mehr gefragt seien. Ein anderer wäre erbost oder verzweifelt gewesen, Crassus dagegen meldete sich an der Kieler Universität an, studierte nebenbei und im Eilverfahren Mathematik und Philosophie. Mit vollem Examen, versteht sich. Als einer seiner Lehrer, der im In- und Ausland bekannte Philosoph Hermann Schmitz, sein zehnbändiges, hoch kompliziertes Gedankengebäude über die „Neue Phänomenologie“ schrieb, bat er Otto Carstens um kritisches Gegenlesen.

Nachdem er das Abendland geistig erforscht hatte, wandte sich Otto Carstens nach der Pensionierung der fernöstlichen Meditation zu. Traf man ihn bei seinen ausgedehnten Fahrradtouren, stieg er ab und führte zur allgemeinen Verwunderung die Figur des „Fliegenden Kranichs“ vor. So wie er einst seine Herderschüler unterrichtet hatte, gab er fortan Seminare in Qui Gong.

Kurz vor seinem 88. Geburtstag ist Crassus gestorben. Er gehörte zu den Lehrern, die man zu Recht nicht vergisst.

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