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Landeszeitung

22. Oktober 2017 | 07:35 Uhr

Rendsburg : Drei Männer und ein Schiff

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Das „Frische Haff“ war ein Kriegsfischkutter, der nach dem Krieg von Rendsburg aus auf Fischfang ging. Ein Original-Rettungsring und ein Modell des Kutters sind jetzt im Schifffahrts-Archiv vereint.

von
erstellt am 04.Feb.2016 | 15:04 Uhr

Es gibt Geschichten, die klingen einfach unglaublich. Dieses ist so eine. Der Fund eines Rettungsringes brachte drei Männer zusammen und sorgte dafür, dass ein ganz besonderes Kapitel Rendsburger Geschichte jetzt mit zwei Exponaten im Schifffahrtsarchiv vertreten ist.

Das „Frische Haff“ kennen alle drei Männer. Hier, an der flachen Bucht, die durch die Frische Nehrung von der Ostsee abgeschnitten ist, wuchsen sie auf oder verbrachten als Kind die Ferien – so wie Peter Timnik, Jahrgang 1941, der in Sensburg/Masuren (heute Mragowo) geboren wurde. Jetzt lebt der Offizier a.D. schon seit Jahren in Westerrönfeld. Timnik war sofort fasziniert, als er im Urlaub am dänischen Limfjord einen Rettungsring mit der Aufschrift „Frisches Haff“ sah. Nicht am Strand, sondern auf einem Antikmarkt im Städtchen Thisted. Das gut erhaltene Exemplar wurde sofort gekauft. Aber Hintergründe zu dem Fund konnte man ihm weder im Flensburger noch im Kieler Schifffahrtsmuseum erklären, sondern erst im kleinen Archiv in der Rendsburger Königstraße. „Ich staunte, das Ali Gudd mir sofort sagen konnte, was es damit auf sich hat.“

„Frisches Haff“ – das war der Name eines Kriegsfischkutters, der 21 Jahre lang in der Kanalstadt seinen Heimathafen hatte und von hier aus auf Fischfang ging. Eigner war Johann Prengel, der am Kriegsende mit seiner Familie aus Tolkemit – heute Tolkmicko – nach Rendsburg geflohen war. Nicht mit dem Schiff. Das war Siegesbeute der Alliierten, von denen Prengel es erst pachtete, dann kaufte. „Vater war nicht nur ein erfolgreicher Fischer, sondern auch ein guter Organisator, Geschäftsmann und Draufgänger“, erinnert sich Hans Prengel. Er erkannte, „dass hier im Binnenland große Nachfrage nach dem Nahrungsmittel Fisch bestehen würde“ – und er seine Fänge hier ohne große Konkurrenz vermarkten könnte.

Viele Jahre behielt Johann Prengel recht. „Wenn bekannt wurde, dass einer der Kutter bald eintreffen würde, bildeten sich bereits früh morgens große Menschentrauben am Kreis- oder Obereiderhafenkai.“ Stundenlang warteten die Menschen auf den fangfrischen Fisch (Dorsch und Plattfische), der direkt vom Kutter verkauft wurde, berichtet Hans Prengel. Es gab mehrere Fischer in Rendsburg und sie lebten mit ihren Familien in der Fischerbaracke. Die ehemalige Wehrmachtsbaracke in der Nähe des Kreishafens „stand dort, wo heute das Bürohaus der Getreide AG in der Friedrich-Voss-Straße steht“, berichtet Prengel.

Aus dem Zusammenschluss der Rendsburger Fischer zu einer Fischereigenossenschaft wurde nichts. Auch eine Fischersiedlung in der Boelckstraße war geplant. Doch nach und nach zogen die anderen Betriebe an die Ostsee. „Aber unsere Familie und das ’Frische Haff’ blieben in Rendsburg“, so Prengel. Dort zogen sie im Januar 1951 in das Haus Boelkestraße 69.

In dieser Zeit ist Ali Gudd gemeinsam mit dem Prengel-Sohn groß geworden. Familie Gudd stammt aus Heiligenbeil am Frischen Haff. „Unsere Eltern kannten sich vor dem Krieg“, berichtet Gudd über die Beziehung zu den Prengels. „Die Flucht hat uns auf unterschiedlichen Wegen nach Rendsburg verschlagen“, erzählt der 75-Jährige.

Hans Prengel lernte Fischer, fuhr auch noch mit seinem Vater auf Lachsfang in der Ostsee. Und er kann noch genau die Stelle zeigen, die er als letztes an dem Kutter-Rettungsring repariert hat. Später wurde er Diplom-Verwaltungswirt und arbeitete bei der Obersten Fischereibehörde. Der heute 74-jährige wohnt in Flintbek und hatte schon vor einigen Jahren die Idee, ein Modell des Kriegsfischkutters zu bauen. Ganz ohne Bausatz eine aufwändige Arbeit.

Gestern nun hat er das Modell dem Schifffahrtsarchiv übergeben. Ein winziger Rettungsring hängt am Steuerhaus. Zusammen mit dem Original-Ring mit der Bremerhavener Kennzeichnung BX 706 und alten Bildern aus der Rendsburger Fischer-Geschichte ist das Exponat jetzt in der Königstraße ausgestellt. „Ich hoffe, dass mit dem Schiffsmodell bei vielen Erinnerungen geweckt werden und viele Menschen angeregt werden, einmal in das Rendsburger Schifffahrtsarchiv zu kommen“, sagt Hans Prengel.

 

Kriegsfischkutter

> 1072 Stück wurden baugleich hergestellt

> Vorposten-Boote, Einsatz zur U-Boot-Jagd und als Geleit-Boote > Sehr seetüchtig, robust und sparsam

im Treibstoffverbrauch

> Vorkehrungen für einen schnell Umbau zum Fischkutter waren vorgesehen

> Das „Frische Haff“ wurde 1944 bei Burmester in Swinemünde erbaut > In der Ostsee bis Mai 1945 im Einsatz > Im Oktober 1946 als „Frisches Haff“ von Rendsburg aus im Einsatz, Charterer Johann Prengel > 1946/47 Umbau zum Fischkutter auf der Werft Nobiskrug in Rendsburg > Ab 1951:Eigentümer Johann Prengel > Kennzeichen: SO 7> 1967 nach Bremerhaven verlegt > Kennzeichen BX 706> Dann weitere Stationen. 1974 Verkauf und Umbau zur Motoryacht „Deborah“ > 1986 sank das Schiff nach einem Motorschaden im Sturm vor Andalusien

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