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Prozess in Kiel : Doppelmord in Haale: Verbotene Telefonate aus der Zelle

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Im Prozess um den Tod zweier Frauen auf einem Pferdehof in Haale wies der Richter die Aufhebung des Haftbefehls zurück. Es bestehe weiterhin ein dringender Tatverdacht.

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2015 | 19:20 Uhr

Kiel | Während des Prozesses um den Haaler Doppelmord ist ein Skandal ans Licht gekommen: Offenbar verfügte der Angeklagte in seiner Gefängniszelle in der Justizvollzugsanstalt Neumünster über zwei Mobiltelefone. Das ist Insassen der Untersuchungshaft grundsätzlich nicht erlaubt. Nun steht der Verdacht im Raum, dass sich der mutmaßliche Doppelmörder per Handykontakt nach draußen im Nachhinein ein Alibi verschafft hat. Das Justizministerium hat gestern weder bestätigt noch dementiert, dass die beiden Telefone gefunden wurden.

Dem angeklagten Dennis N. (29) aus Beringstedt wird vorgeworfen, am 18. November 2014 Regina F. (57) und deren Mutter Inge S. (83) getötet zu haben. Die beiden Frauen waren im Pferdestall des Resthofes von Regina F. in Haale mit einer Pistole und einem Messer getötet, mit Stroh und Benzin überschüttet und angezündet worden. Hintergrund ist laut Staatsanwaltschaft ein Streit um einen vom Automechaniker Dennis N. versprochenen VW-Bus, den er nicht geliefert habe, obwohl Regina F. den Transporter bereits mit 7900 Euro angezahlt hatte. Der Angeklagte sitzt seit mehr als einem Jahr in Untersuchungshaft, sagt seitdem jedoch nichts zu den Vorwürfen.

Am zehnten Verhandlungstag des Indizienprozesses gestern vor dem Landgericht Kiel wurde klar, dass in der Zelle von Dennis N. in der Justizvollzugsanstalt Neumünster zwei Samsung-Handys gefunden wurden. Dazu wurde eine Kriminalbeamtin befragt, die die Geräte ausgewertet hatte. Demnach verfügte Dennis N. offenbar mindestens einen Monat lang über die Möglichkeit, heimlich Kontakt zu Personen außerhalb der Haftanstalt aufzunehmen. Das ist während der Untersuchungshaft streng verboten, weil sonst Verdunkelungsgefahr besteht. Den Aussagen der Beamtin zufolge begannen die Kontakte am 24. September. Sie endeten am 29. Oktober. In diesen Zeitraum fielen der Prozessauftakt sowie der zweite Verhandlungstag. Über die Handys telefonierte er anscheinend mit seiner Verlobten und seiner Familie. Zudem wurden Textnachrichten sichergestellt, auch mit einer weiteren Frau. Laut der Beamtin sind absichtlich verklausulierte Nachrichten ausgetauscht worden, die den wahren Zweck verschleiern. Auswertungen von Telefondaten zufolge hat die Familie des Angeklagten auch mit den zwei Freunden von Dennis N. Kontakt aufgenommen, die ihm später – am achten Verhandlungstag – überraschend ein Alibi  gegeben hatten. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden im Nachhinein absichtlich falsche Aussagen machten. Wie das Gericht damit umgeht, wurde gestern nicht klar.

Die Handys hatte Dennis N. nach Informationen der Landeszeitung offenbar von anderen JVA-Insassen erhalten. Die Geräte sollen am 29. Oktober von einem Justizangestellten unter der Bettdecke des Angeklagten gefunden worden sein. Demzufolge hatte ein Mithäftling darauf aufmerksam gemacht und ausgesagt, dass Dennis N. die Mobiltelefone bei ihm verstecken wollte, wenn dieser am achten Prozesstag nach Kiel gebracht wird. Dafür soll  ihm der Angeklagte sogar Geld per Überweisung versprochen haben. Dennis N. habe diesem Wunsch darüber hinaus Nachdruck verliehen, indem er den Mitinsassen nach dessen Aussage bedrohte: Wenn er die Telefone nicht verstecke, so soll Dennis N. angedeutet haben, werden einige Freunde außerhalb der Haft damit beauftragt, seine Freundin zu verprügeln. Der Mitinsasse habe Dennis N. daraufhin an den Gefängniswärter verraten, weil er sich nicht erpressen lassen wolle. Nachdem die Handys entdeckt wurden, habe Dennis N. dem Justizangestellten gegenüber  zugegeben, dass die Geräte ihm gehören.

Oliver Breuer vom Justizministerium wollte den Handy-Fund gestern nicht direkt bestätigen: „Da es sich um ein laufendes Gerichtsverfahren handelt, werden wir uns nicht äußern.“ Ihm zufolge werden die Gefängniszellen regelmäßig durchsucht, auch unangekündigt, „landesweit einmal pro Woche, mindestens dreimal pro Monat“. Die JVA Neumünster habe ihre Sicherheitsvorkehrungen in den letzten Wochen nicht verschärft.

Gestern wies das Gericht zudem den Antrag der Verteidiger auf Aufhebung des Haftbefehls ab. „Das Fortbestehen des dringenden Tatverdachts wurde bisher nicht durch die Beweisaufnahme entkräftet“, sagte Richter Jörg Brommann.Tilmann Post

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