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Ex-Kapitän spricht vor Schülern : Die Retter vor Gericht gestellt

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ex-Kapitän Stefan Schmidt berichtet über seine Erlebnisse mit 37 geretteten Flüchtlingen auf der „Cap Anamur“ vor Italien.

Was vor fast zehn Jahren im Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien geschah, bekamen die Neunt- und Zehntklässler der „Schule Hohe Geest“ (SHG) sehr anschaulich von demjenigen geschildert, der damals im Mittelpunkt des Geschehens stand: Stefan Schmidt, damals Kapitän der „Cap Anamur II“ und heute ehrenamtlicher Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein.

„Herr Schmidt hat als Kapitän nicht weggeschaut, sondern Flüchtlinge in Seenot gerettet“, erklärte Torsten Stellmacher von der SHG-Schulleitung: „Er ist dafür aber nicht als Held gefeiert worden, sondern vor ein Gericht gestellt und erst in allerletzter Instanz freigesprochen worden.“

Der Vortrag von Schmidt war ein Programmpunkt der SHG-Themenwoche: „Es geht um Flüchtlinge in Europa und um Europa herum, um Menschen, die nach Europa möchten, hier aber nicht erwünscht sind“, sagte Stellmacher, „das sind zum Beispiel Menschen aus Afrika, die sich unter größten Mühen an die nordafrikanische Küste durchschlagen, ihre Ersparnisse Menschenhändlern geben, die sie nachts in kleine, nicht seetaugliche Nussschalen setzen und sie auf die Reise nach Europa schicken – und wenn sie es nicht schaffen, sehen wir in der Tagesschau, wie ihre Leichen an den Strand geschwemmt werden.“

So eine „Nussschale“ war es auch, die von der Besatzung der „Cap Anamur II“ am Sonntag, dem 20. Juni 2004, um 15 Uhr im Mittelmeer entdeckt wurde: ein sechs Meter langes Schlauchboot mit 37 Flüchtlingen aus Afrika. Die vom gleichnamigen gemeinnützigen Komitee finanzierte „Cap Anamur II“ war zu Reparaturarbeiten in einer Werkstatt auf Malta gewesen. „Dies Schiff sollte in der Welt immer genau dahin fahren, wo die Not gerade am größten war“, erläuterte Stefan Schmidt das Konzept.

Was die Aufgabe der „Cap Anamur II“ für 2004 und 2005 hätte sein sollen, stand fest: „Flüchtlinge von Monrovia zurück in ihr Heimatland Sierra Leone fahren.“ Aber dazu kam es nicht, weil die „Cap Anamur II“ die 37 Schlauchboot-Flüchtlinge an Bord nahm – im Gegensatz zu den italienischen Fischerbooten, die sich ebenfalls in der Nähe aufhielten. „Denen wird von der italienischen Regierung verboten, solchen Flüchtlingen zu helfen. Als die „Cap Anamur II“ mit den 37 Afrikanern an Bord in die Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste eindringen wollte, wurde sie von den Italienern bedroht und abgedrängt: von zwei großen Kriegsschiffen, drei Küstenwachenbooten, einem Zollschiff, einem Hubschrauber und einem Polizeiboot. „Elf Tage sind wir an der Seegrenze hin und her gefahren“. Am 11. Tag waren einige der Flüchtlinge derart „mit den Nerven fertig, dass sie ins Wasser springen wollten“, Schmidt deklarierte den Notstand und lief in den Hafen von Porto Empedocle ein. Wo er zusammen mit zwei weiteren Besatzungsmitgliedern ins Gefängnis geworfen wurde. Die Anklage lautete: bandenmäßige Beihilfe zur Einreise nach Italien in einem besonders schweren Fall. Die drohende Strafe: zwölf Jahre Haft und eine Strafzahlung in Höhe von einer halben Million Euro. Als Schmidt und seine beiden Mitstreiter nach fünf Tagen freikamen, waren 35 der 37 Flüchtlinge schon wieder in Afrika: per Flugzeug abgeschoben nach Nigeria. Fünf Jahre zogen sich die Verhandlungen vor den italienischen Gerichten hin, bis zum Freispruch im Jahre 2009, den die Hauptrichterin wie folgt formulierte: „Was die Drei getan haben, war keine Straftat.“ Seit 2011 ist Schmidt nun ehrenamtlicher Flüchtlingsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein: „Jetzt erzähle ich den Leuten, wie an den Grenzen Europas gegen die Ärmsten der Armen vorgegangen wird.“

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erstellt am 11.Feb.2014 | 17:06 Uhr

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