Aufrüherisches Rindvieh : Die Protestkuh von Homfeld: Wer steckt hinter Gerda Muh?

Ein Ritt auf Gerda: Ein anonymer Künstler hat die hölzerne Kuh erschaffen, die in wechselnden Gärten auftaucht. Der Initiator will mit dem Event die Diskussion um die Landwirtschaft und das Wir-Gefühl der Dorfbewohner anregen.

Ein Ritt auf Gerda: Ein anonymer Künstler hat die hölzerne Kuh erschaffen, die in wechselnden Gärten auftaucht. Der Initiator will mit dem Event die Diskussion um die Landwirtschaft und das Wir-Gefühl der Dorfbewohner anregen.

Eine Phantom-Kuh betätigt sich als Anstifter politischer Diskussionen. Wer sie abgerichtet hat, ist die große Frage.

shz.de von
21. August 2018, 21:20 Uhr

Aukrug | War das dörfliche Miteinander früher besser? Was spricht für eine naturnahe Landwirtschaft ohne Bienensterben, was für Massentierhaltung? Solche Fragen diskutieren derzeit regelmäßig die Aukruger (Kreis Rendsburg-Eckernförde), wenn Holzkuh „Gerda Muh“ in ihrem Vorgarten auftaucht. Die robuste Konstruktion hat nicht nur eine E-Mail-Adresse und Ansichten zur Haltung von Kühen und dem Miteinander im Dorf dabei, sondern auch Getränke und Snacks.

Mit der ungewöhnlichen Aktion will ein Mann aus dem Ortsteil Homfeld auf die Probleme der Massentierhaltung und der Konsumgesellschaft aufmerksam machen und zugleich der Dorfgemeinschaft Impulse geben. „Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Sogar ein bisschen mehr“, sagt der Aktionskünstler, der unerkannt bleiben will. Die Holzkuh solle zu Diskussionen über dörfliches Leben und Miteinander, Landwirtschaft, Tierhaltung, das Konsumverhalten sowie den Umgang mit der Natur anregen. Das ist gelungen.

Kündigt sich per E-Mail an

An einem lauen Augustabend haben sich knapp zwei Dutzend Homfelder bei der Kuh eingefunden. Biertische sind in einem Garten aufgestellt, auf dem Tisch stehen Leckereien und Getränke. „Ich teile zwar nicht alle Gedanken von Gerda“, sagt Garteneigentümerin Christine Plähn. „Die Idee, sie durch die Gärten ziehen zu lassen“, finde ich aber toll. „An Pfingsten tauchte 'Gerda Muh' erstmals auf.“ An dem Morgen sagte mein Mann zu mir: „Da steht eine Kuh im Wendehammer“, sagt Svenja Halft. Wenige Stunden zuvor war die Holzkuh dem Paar per E-Mail angekündigt worden.

Seitdem wird in dem kleinen Ort mit 400 Einwohnern darüber diskutiert, wer hinter der Aktion steckt. „Es herrschte großes Rätselraten“, sagt Halft. Mittlerweile gebe es im Dorf zwar einige Verdächtige. „Gelöst ist das Rätsel aber nicht.“

„Früher war alles besser“

300 Arbeitsstunden hat der Aktionskünstler für den Bau von „Gerda Muh“ gebraucht. „Es ist ein trächtiges Breitenburger Rind, eine alte, ausgestorbene Rasse“, sagt er. 2,5 Festmeter Holz, 400 Schrauben und zwölf Liter Leim hat er beim Bau verwendet. Am Heck der rund 350 Kilogramm schweren Holzkonstruktion befindet sich eine Klappe. Neben Getränken, Snacks und Hebegeschirr zum Weitertransport von „Gerda Muh“ befindet sich darin auch ein Begleitschreiben.

Vor 100 Jahren habe es in dem Ort noch 579 Rinder und 23 Kuhställe gegeben, heißt es darin. „Vor 100 Jahren wurden meine Schwestern meist über zwölf Jahre alt. Wir standen im Winter in engen dunklen Ställen angebunden, jede von uns auf etwas mehr als zwei Quadratmetern. Wir wurden jeden Tag gestriegelt, und wenn uns kalt war, bekamen wir eine Kuhdecke. Heute werden wir keine sechs Jahre mehr alt und der Bauer gibt uns nicht mal mehr einen Namen.“

Der ehemalige Landwirt Claus Ratjen, sagt: „Wenn man will, kann man aus der Aktion rauslesen: Früher war alles besser.“ Ein Zurück könne es aber nicht geben. „Dann müsste der Staat die Landwirtschaft noch höher subventionieren als es aktuell der Fall ist“, sagt der 69-Jährige.

Gerda soll nachdenklich machen

Landesweit gibt es heute in Schleswig-Holstein laut Landwirtschaftskammer nur noch rund 4000 Milchviehbetriebe – Tendenz sinkend. Vor vier Jahren waren es noch 4500. Nach Angaben des Statistikamts Nord werden mittlerweile etwa 1,07 Millionen Rinder gehalten, davon mehr als 387.000 Milchkühe.

Der Aktionskünstler selbst ist grundsätzlich gegen Massentierhaltung, will eine kontroverse Diskussion zur Landwirtschaft und dem Konsumverhalten anstoßen. Denn die Verbraucher hätten eine Mitschuld an der Entwicklung. „Ich muss im Februar keine Erdbeeren aus Ägypten kaufen“, sagt er. „Jeder muss aus der Diskussion mitnehmen, was er möchte.“ Seine Holzkuh soll noch bis zum Herbst in Homfeld unterwegs sein.

„Bei einer Abstimmung darüber, wer dahinter steckt, komme ich vielleicht unter die ersten Drei“, sagt der Künstler. „Aber nicht auf Platz eins“. Was am Ende des Sommers mit der Kuh passiert, ist noch unklar. Ob sich der Initiator dann offenbaren will? „Nö.“

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