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Militärpfarrerin : Die kleine Kirche aus dem Koffer

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Birgitta Gnade ist als Militärpfarrerin und Seelsorgerin rund um die Uhr unter anderem für die Soldaten des Lufttransportgeschwaders 63 in Hohn da. Gerade hat sie um zwei weitere Jahre verlängert.

Allmählich wird es still im Offizierheim in der Hugo-Junkers-Kaserne in Hohn. Rund 30 Soldatinnen und Soldaten sowie einige Angehörige haben sich dort versammelt. Birgitta Gnade drückt einen Knopf auf ihrem I-Pod, Meeresrauschen erklingt. „Wenn man ans Meer kommt, soll man zu schweigen beginnen...“, zitiert sie den Lyriker Erich Fried. Birgitta Gnade ist Militärpfarrerin und unter anderem für das Lufttransportgeschwader (LTG) 63 in Hohn zuständig.

An diesem Tag ist alles etwas improvisiert. Birgitta Gnade muss den Militär-Gottesdienst im Sitzen abhalten. Meniskus gerissen. Wie es passiert ist? „Dumm gelaufen – im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Auch der Organist ist arbeitsbedingt verhindert. „Aber Ihr seid sicher alle froh, auch mal ohne Organist zu singen“, scherzt Gnade – und das Lachen der meisten Männer und Frauen im Flecktarn-Anzug und schweren Stiefeln zeigt, dass das A-capella-Singen nicht ganz ihr Ding ist. Dennoch: Bei „Über den Wolken“ von Reinhard Mey – passend für ein Lufttransportgeschwader – sind dann doch alle dabei, auch wenn die Stimme der Militärpfarrerin sich klar über das eher gemurmelte Mitsingen erhebt.

Seit dem Jahr 2007 ist Birgitta Gnade in der Militärseelsorge tätig, seit 2009 für die Soldaten der beiden Geschwader in Jagel und Kropp da. Und für sie da zu sein, das heißt mehr als Gottesdienste abhalten. Die 45-Jährige hört sich in Gesprächen die Sorgen und Nöte der Bundeswehr-Bediensteten an. „Oft geht es um die Belastung durch Einsätze oder die damit verbundene Trennung von der Familie“, berichtet Gnade. Wichtige Themen seien aber auch der Wunsch nach einer heimatnahen Versetzung oder – im Falle des LTG 63 – die Sorgen ob des Wissens um die Auflösung des Geschwaders im Jahr 2018. Die Hilfsflüge der Transall-Piloten passieren „für viele nur so am Rande, weil sie aus der Presse davon erfahren“, sagt die gebürtige Schleswigerin: „Die Soldaten riskieren aber ihr Leben und leisten so viel.“ Bei vielen Einsätzen sehen sie Dinge, die verarbeitet werden müssen. „Einige kommen hoch belastet zurück. Da hilft es manchmal auch schon viel, wenn jemand da ist, der mal mit ihnen einen Kaffee trinkt und ihnen zuhört.“ Natürlich gelte das volle Seelsorge- und Beichtgeheimnis.

Ihre Bürozeiten teilt Birgitta Gnade auf. Sowohl in Jagel als auch in Kropp können Hilfe oder Ratschlag Suchende zu ihr kommen. „Außerdem sind wir von der Seelsorge 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr per Telefon erreichbar.“ Viel zu tun hat sie fast immer. Rüstzeiten, Trauungen, Taufen oder Beerdigungen gehören zu ihrem Aufgabengebiet. Außerdem gibt Gnade den Soldaten Lebenskundlichen Unterricht. Dort gehe es in Gruppen um alle Aspekte des soldatischen Lebens, wie die Position des Soldaten in der Gesellschaft, der Soldat in der Familie oder auch um Fragen wie nach der Schuld nach Schusswaffengebrauch. „Wir segnen nicht die Waffen, sondern die Menschen, die möglicherweise Schuld auf sich laden müssen.“ Es gehe auch nicht darum, den Soldaten stets ein gutes, wohl aber ein getröstetes Gewissen zu geben.

Zurück im Offizierheim: In ihrer Predigt geht es um Uria und die Ammoniten, um David und den Propheten Natan – und auch hier um die Frage nach einer Schuld. Auf der Terrasse sorgt ein Gartenarbeiter mit einem Laubbläser für Unruhe. Ein Soldat steht auf und sorgt höflich für Ruhe. Ruhe und Einkehr scheinen die Besucher des Gottesdienstes zu finden, wenn Gnade spricht.

Doch es geht nicht nur besinnlich zu. „Israel, Irak, Syrien, Russland, Ukraine – in welchem weltpolitischen Wahnsinn leben wir? Drehen wir alle kollektiv durch?“, fragt Gnade. Sie selbst habe zeitweise in Israel studiert, in Bethlehem gewohnt und sei sehr betroffen, wenn sie sich vorstellt, dass dort nun kein Stein mehr auf dem anderen stehe. Es müsse jemanden geben, der – nach Dietrich Bonhoeffer – dem Rad in die Speichen falle. Generell müsse es immer erlaubt und gefordert sein, Dinge kritisch zu hinterfragen, sagt sie. Auch als Soldat. „Genau dazu ermutige ich auch in den Gesprächen“, betont Birgitta Gnade, die als Militärseelsorgerin Zivilistin ist und nur eine verkürzte Grundausbildung absolviert hat, „damit wir wissen, wie wir uns in Feld und Flur bewegen sollen“.

Der Umgang mit den Soldaten und deren Familien sei herzlich und familiär Bei Kaffee und Brötchen ist nach dem Gottesdienst noch Zeit für Gespräche. Der Saal leert sich. Einige Soldaten umarmen Gnade zum Abschied, andere finden Worte des Dankes für die Andacht. Auch Oberstleutnant Thies Voigt, stellvertretender Kommodore des LTG 63, merkt an: „Ein paar Momente der Stille sind auch mal ganz gut.“ Militärseelsorgerin sei sie mit Leib und Seele, sagt Gnade, die zunächst für sechs Jahre vom Landeskirchenamt für diese Aufgabe freigestellt war und gerade erst um zwei weitere Jahre verlängert hat. Von einem langjährigen Weggefährten muss sich Gnade nun allerdings verabschieden. Für Pfarrhelfer Joachim Nöhren war es gestern nach 13 Jahren in der Militär-Seelsorge der letzte Gottesdienst. Er hebt ein Holzkreuz und zwei Kerzen vom Boden des Offizierheims auf und verstaut sie mit einer Bibel und einem Gesangbuch in einem kleinen Koffer. „Da ist unsere Kirche drin“, sagt Birgitta Gnade. Dort wo sie das Kreuz aufstelle, sei ihre Kirche. Einmal war das sogar schon im Laderaum einer Transall.

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erstellt am 04.Sep.2014 | 06:30 Uhr

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