Premiere : Die Kehrseite der Freiheit

Die „Raum-Stadt-Spieler“, hier Martina von Assel-Höselbarth, sind im Juni in den Kammerspielen zu sehen.
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Die „Raum-Stadt-Spieler“, hier Martina von Assel-Höselbarth, sind im Juni in den Kammerspielen zu sehen.

„Raum-Stadt-Spieler“ in den Kammerspielen. Laiendarsteller widmen sich dem Thema Rebellion.

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12. Juni 2018, 10:56 Uhr

Rendsburg | Was geschieht, „Wenn wir nicht ,Nein‘ sagen“? Was bedeuten rebellische Momente für die Unabhängigkeit im Denken und Handeln? Diesen Fragen geht das Theaterprojekt „Raum-Stadt-Spieler“ unter Leitung von Katinka Springborn (Buch und Regie) nach. Am Sonnabend feierte die Inszenierung mit Laiendarstellern in den nahezu ausverkauften Kammerspielen Rendsburg Premiere.

Die Romanfigur „Huckleberry Finn“ verkörpert den innigsten menschlichen Wunsch, den stärksten Trieb unseres Geistes ausleben zu wollen: nämlich uneingeschränkte Freiheit zu haben. Zugleich ist aber absolute Freiheit eine Utopie. Auf der Rückseite der Medaille klebt stets der Preis, der zum einen von jedem hohe Selbstverantwortlichkeit fordert, zum anderen aus anderer Perspektive zur Unfreiheit führt.

In mehreren Episoden reflektieren Anna Franck, Astrid O’Brien, Martina von Assel-Höselbarth, Susanne Mehrens-Twisselmann, Jörg Christiansen, Uwe Schütt, Timo Tempel und Winfried Waidelich zunächst die ersten Versuche der Kindheit, sich freizuschwimmen. Stolz führen sie ihren Mut vor Augen, „Nein“ gesagt zu haben: Ein Mädchen behauptet sich gegen einen Busfahrer, der ihr Bein angegrapscht hat. Dargestellt wird auch die Freiheit, etwas Provozierendes angestellt zu haben, das dem Wertekanon der Erwachsenen entgegensteht. Das Theaterstück verdeutlicht, wie Freiheit mit einer inneren oder äußeren Rebellion beginnt, die vordergründig keinerlei Toleranz zu zeigen scheint. In einer typischen Szene regen sich Spießbürger über die Protestkultur langhaariger Heranwachsender und deren laute Musik und ausgefallene Kleidung auf. Die Gescholtenen wiederum äußern sich verächtlich über den „doofen“ Musikgeschmack der Erwachsenen und deren Intoleranz. Eine andere Szene zeigt eine arg gebeutelte Krankenschwester, die es jedem Recht machen will. In ihrem Hamsterrad sitzend, verliert sie ihre Freiheit, während die Patienten ihre Rechte wissentlich missbrauchen.

Nach einer spannenden Lehrstunde werden die Zuschauer aufgefordert, zusammen mit den Darstellern das Theater zu verlassen, um zu einer konspirativen Versammlung im Keller eines Restaurants zu kommen. Die Anwesenden erleben hautnah eine politische Versammlung auf engstem Raum, in der die Akteure, beinahe wie in einem Loriot-Sketch, herrlich aneinander vorbeireden. Jeder will nur seine Interessen verbreiten. Es kommt heraus, dass sie mit ihrem Anliegen und ihrer Meinung allein und am falschen Platz sind. Zum Ende hin werden, beängstigend nahe, die existenziellen Schwierigkeiten des Einzelnen in einem autoritären System spürbar, wo der Preis der Freiheit unendlich hoch wird und der allein Gelassene trotzdem die Konsequenzen mit ehernem Mut trägt.

>Weitere Termine: 16. Juni (im Rahmen der „Tage der Revolte“), 24. Juni, 30. Juni, Kammerspiele Rendsburg.

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