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„Containern“ in Rendsburg : Die illegale Suche nach Essen im Müll

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Junge Leute durchstöbern nachts den Supermarkt-Abfall. Sie sind auf der Suche nach essbaren Lebensmitteln.

Es ist 0.45 Uhr. Henrike* zieht eine Packung Karotten aus der Mülltonne. Die Plastikverpackung ist schmutzig, stinkt, aber die Karotten sehen noch gut aus. Henrike legt sie zu den Fladenbroten, während Hans* ein Sonnenblumenkernbrot aus den Tiefen der zweiten Tonne fischt. „Containern“ nennt sich das, was die beiden auf dem Hinterhof eines Supermarktes im Norden Rendsburgs im Schutz der Dunkelheit machen.


Genießbare Lebensmittel


Von den Lebensmitteln, die Supermärkte wegwerfen, ist oft ein guter Teil noch genießbar. Gründe für die Entsorgung sind, neben einem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum, Druckstellen, Unansehnlichkeit oder Überschusskäufe. Die auch als „Dumpstern“ oder „Mülltauchen“ bezeichnete Mitnahme dieser Lebensmittel ist besonders in größeren Städten verbreitet. Doch auch in Rendsburg gibt es Vertreter des „Sports“, der wegen Ladenschlusszeiten sowie ungewünschter Zuschauer meist nachts stattfindet. „Ich finde es scheiße, dass Lebensmittel einfach weggeschmissen werden“, sagt Henrike. „Containern tut niemandem weh. Die Konzerne merken das gar nicht. Und es ist gut für die Menschen, die nicht viel Geld haben und an die niemand denkt. Von irgendwas muss man ja leben.“

Henrike ist 16. Zur Schule geht sie seit drei Jahren nicht mehr und lebt seitdem auf der Straße. Sie ist viel herumgekommen, sagt sie. Früher, in einer anderen Stadt, hatte sie zusammen mit Freunden eine autonome Volksküche mit erbeuteten Lebensmitteln betrieben. Dabei kam es mitunter auch zu unangenehmen Zwischenfällen. „Einmal bin ich in einen Container gefallen und der Deckel fiel zu. Ich habe ihn allein nicht aufbekommen und mein Begleiter war nicht in der Nähe. Ich habe 15 Minuten lang in Tomatenmatsch gesessen und geschrien.“ In Rendsburg lebt Henrike erst seit ein paar Monaten und kennt noch nicht viele geeignete Supermärkte.

„Früher waren die meisten Container noch leicht zugänglich“, erzählt Peter*, „aber mittlerweile sichern die meisten Supermärkte ihre Mülltonnen durch Schlösser oder sperren sie hinter Zäune und Mauern.“ Peter ist seit über sechs Jahren regelmäßig ungebetener Gast auf Rendsburgs Supermarkthinterhöfen. Er kennt noch zwei Stellen, an denen die Ausbeute regelmäßig gut ist. „Da gibt es meistens reichlich Obst und Gemüse. Bananen sind immer da.“ Seltener seien Dinge mit langer Haltbarkeitsdauer. „Wenn es mal Nudeln gibt, muss man zugreifen.“ Vor einigen Tagen hatte er sechs Liter Suppe aus Abfallgemüse gemacht: Porree, Sellerie, Karotten, Kohlrabi, Zwiebeln. Was er nicht selbst verwenden kann, verschenkt er meist an andere.

Dass Containern illegal ist, stört die Lebensmittelretter nicht. Der Abfall ist bis zur Abholung durch die Müllabfuhr Eigentum des jeweiligen Händlers. Strafrechtlich von Bedeutung ist aber vor allem das Betreten des Grundstücks. Dieses gilt als Hausfriedensbruch, wenn dabei Zäune oder sonstige Absperrungen überwunden werden. In der Praxis kommt es aber selten zu Anzeigen. Wer erwischt wird, kommt fast immer mit einer Verwarnung davon. Kommt es doch einmal zu einer Anzeige, wird das Verfahren meist wegen Geringfügigkeit eingestellt.

„Containern ist auch eine Lebenseinstellung gegen diese ganze Lebensmittelverschwendung“, sagt Hans. In einer Studie der Universität Stuttgart wird diese Verschwendung auf elf Millionen Tonnen pro Jahr in Deutschland geschätzt. Der Bundesverband der Tafeln geht sogar von 20 Millionen Tonnen aus, was der Hälfte aller produzierten Lebensmittel entspräche.


Brot, Karotten und Blumen


In Frankreich gilt seit kurzem ein Gesetz, das es dem Großhandel verbietet, unverkaufte Lebensmittel zu vernichten. Diese müssen gespendet, als Tiernahrung genutzt oder als Kompost für die Landwirtschaft verwendet werden. Hierzulande spenden viele Filialen freiwillig überschüssige Ware an die Tafeln. So auch die Sky-Filiale im Rondo-Einkaufszentrum. Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum landen aber auch hier im Müll. „Unsere Mülltonnen schließen wir ab, weil wir für eventuelle Lebensmittelvergiftung auch durch gestohlene Ware haften würden“, erklärt Filialleiter Dirk Wulff.

Die Ausbeute von Henrike und Hans in dieser Nacht: Viel Brot. Ein Ciabatta, zwei Fladenbrote, ein Schnitt- und ein Sonnenblumenkernbrot. Klößeteig, Karotten und ein Strauß Blumen. Nicht ganz schlecht, aber auch nicht besonders viel. Hans: „Man muss wissen, an welchen Tagen was weggeschmissen wird. Donnerstags zum Beispiel stellen viele die Biotonnen raus.“ Auch die wirklich guten Plätze muss man kennen. Aber die verrät ein Lebensmittelretter nicht gern. Schon gar nicht, wenn die Gefahr besteht, dass die Geheimtipps hinterher in der Zeitung stehen. *Namen geändert

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