zur Navigation springen
Landeszeitung

18. Oktober 2017 | 14:05 Uhr

"Die Hochbrücke war mein Spielplatz"

vom

Zeitzeugin Erika Neuhaus über ihre Kindheit als Tochter des langjährigen Brückenkontrolleurs Johann "Jonny" Neuhaus (1901 - 1989)

shz.de von
erstellt am 10.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Rendsburg | Sie steht am Kanalufer, doch ihr Blick wandert nicht zu den Schiffen auf dem Wasser, sondern nach oben. Immer wieder. Erika Neuhaus ist in Gedanken. "An der Strebe bin ich hochgeklettert, um nach Dohlennestern zu suchen", sagt Erika Neuhaus und zeigt auf eine Stahlverbindung gut 25 Meter über dem Boden. "Wir wurden hochgeschickt, um die Nester auszunehmen. An guten Tagen waren es 40 bis 50 Eier. Die wurden dann in der Pfanne gebraten. So war das damals kurz nach dem Krieg."

Die 75-jährige Rendsburgerin spricht von ihrer Kindheit, als sie an und auf der Eisenbahnhochbrücke groß wurde. "Ich wurde ,Brückenbauers Tochter genannt", sagt die Tochter von Johann Neuhaus (1901 - 1989). "Jonny", wie er meist genannt wurde, war von 1946 bis 1963 der Brückenkontrolleur in Rendsburg und Aufseher über alle Kanalbrücken. Für die kleine Erika brachte das aus heutiger Sicht undenkbare Freiheiten mit sich. "Die Hochbrücke war mein Spielplatz. Ich kannte jeden Arbeitsgang und konnte mich völlig frei bewegen."

Was aus Sicherheitsgründen längst strengstens verboten ist, war für Erika Neuhaus Normalität. Zur Freude des Vaters und zum Schrecken der Mutter. "Die fällt da nicht runter, das ist ,Brückenbauers Tochter", sagte er immer. "Meine Mutter hatte Angst um mich und schimpfte fürchterlich, wenn ich mich nach ganz oben gewagt habe."

1946, als achtjähriges Mädchen, war Erika Neuhaus mit ihren Eltern an den Kanal gezogen. Die Familie bewohnte eine Dienstwohnung in Osterrönfeld. Das Haus der Wasser- und Schiffahrtsdirektion befand sich 300 Meter neben der Brücke und direkt am Ufer. "Wenn die Schiffe durch die Drehbrücke wollten, mussten sie vor unserem Haus halten und dreimal tuten. Als Schulkinder sind wir bis an die Schiffe rangeschwommen - in der Hoffnung, dass jemand eine Apfelsine runterwirft. Das hat manchmal funktioniert."

Es sind solche Anekdoten, die verdeutlichen, warum die 100 Jahre alte Eisenbahnhochbrücke für viele Kanal-Anwohner viel mehr ist als ein Bauwerk. Es ist ein Stück ihrer eigenen Biografie. Für Erika Neuhaus gilt das ganz besonders. Jeden Tag um 12 Uhr habe sie ihrem Vater das Essen nach oben gebracht. "Ich musste pünktlich sein, er war sehr streng." Der Weg war weit und beschwerlich, denn der Arbeitsplatz von "Jonny" Neuhaus befand sich im nördlichen der beiden Betriebshäuschen, die sich am Übergang zwischen Rampe und dem Herzstück der Kanalbrücke befanden.

Manchmal half Erika Neuhaus ihrem Vater sogar bei der Arbeit. Mit einem Hammer testete sie den Klang der Niete. Stück für Stück, hundertfach. "Wenn ein Niet kaputt war, hörte man das sofort. Dann habe ich das Stück mit einem Kreuz markiert." Geld gab es dafür nicht. Bei den Vorarbeitern war Erika aber bekannt, einige steckten ihr Münzen zu. "Von zehn Pfennigen konnte ich mir zwei Dauerlutscher bei Kaufmann Voigt in der Fährstraße holen." Dort habe sie den Männern oft Tabak und Bier besorgt. Sogar die Namen einiger Monteure weiß Erika Neuhaus noch genau. "Von Peter und Paul habe ich einmal im Monat eine ganze Tafel Milka bekommen. Das war was!"

Ihr persönlicher Wunsch zum 100-jährigen Jubiläum der Eisenbahnhochbrücke? "Ich möchte zu gerne da oben nochmal rauf. Einmal wieder dicht unter den Schienen entlanglaufen. Das wäre schön."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen