Die Geheimnisse von Schostakowitsch’ Musik

Michael Sanderling in der Thormannhalle. Als Sechsjähriger begegnete er Schostakowitsch.
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Michael Sanderling in der Thormannhalle. Als Sechsjähriger begegnete er Schostakowitsch.

Dirigent Michael Sanderling besitzt mündlich überliefertes Hintergrundwissen: 5. Sinfonie mit der wahren Spielweise

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29. Juli 2014, 12:17 Uhr

Um seine Familie zu schützen, verriet Dimitri Schostakowitsch nicht die Geheimnisse seiner Kompositionen. „Er chiffrierte seine Werke, schrieb bewusst falsche Tempi und Metronomzahlen in die Partitur“, weiß Michael Sanderling. Der Sohn des DDR-Meisterdirigenten Kurt Sanderling hat Schostakowitsch noch kennen gelernt. Jetzt probt er dessen 5. Sinfonie mit dem Festival-Orchester in der ACO-Thormannhalle.

Kurt Sanderling starb 2011 im Alter von 99 Jahren. Seine drei Söhne sind alle Musiker. Der 1967 geborene Michael begann seine Laufbahn als Cellist, wandte sich erst später dem Dirigieren zu. An den Besuch von Dimitri Schostakowitsch 1973 in seinem Berliner Elternhaus erinnert er sich noch genau: „Schostakowitsch wirkte in sich gekehrt, schien dauernd mit sich selbst beschäftigt und hatte eine hohe, piepsige Stimme“, erzählt Sanderling im Gespräch mit der Landeszeitung.

Aus Erzählungen seines Vaters, der aus seiner Moskauer Zeit eng mit Dimitri Schostakowitsch befreundet war, weiß Michael Sanderling um einige Geheimnisse des Werkes. „Die 5. Sinfonie ist ein Wendepunkt im Leben Schostakowitsch’. Nach der Schelte seiner vierten Sinfonie, die Stalin mit ‚Chaos statt Musik‘ charakterisierte, was eigentlich ein Todesurteil bedeutete, konnte Schostakowitsch niemandem mehr trauen. Nicht einmal seiner eigenen Familie.“ So begann er, seine Kompositionen zu chiffrieren.

Dadurch galt er als billiger Komponist. In Amerika wurde seine Musik falsch interpretiert und als flach eingestuft. „Er galt lange als Nichtskönner und Formalist. Das hat ihm jedoch das Leben in der Stalin-Diktatur gerettet“, sagt Sanderling. „Meinem Vater erzählte er die wirklichen Werte. Ich greife darauf zurück und bin erstaunt, wie leicht das Orchester diese Änderungen annimmt und welche Gefühlstiefe so entsteht.“ Der Dirigent stellt klar: „Ohne dieses mündlich überlieferte Hintergrundwissen ist Schostakowitschs 5. Sinfonie aus der Partitur heraus nicht richtig wiederzugeben.“

Wie ergreifend der wahre Schostakowitsch wirkt, zeigt die Orchesterakademie des SHMF unter Sanderlings Leitung morgen, 31. Juli, um 20 Uhr in der öffentlichen Generalprobe in der ACO-Thormannhalle.

Außerdem steht das Doppelkonzert für Violoncello und Violine von Johannes Brahms auf dem Programm. Auch zu diesem Werk hat Sanderling eine innige Verbindung: „Den Cello-Part habe ich mindestens 100 Mal live aufgeführt.“ Deshalb ist es für ihn schwer, das Spiel anderer Cellisten vorbehaltlos zu akzeptieren. „Wenn sie nicht genauso spielen wie ich es tun würde, komme ich ins Nachdenken.“ Von dem jungen Orchesterakademie-Ensemble schwärmt er aber bereits nach den ersten Proben. „Erstaunlich. Nach drei Wochen spielen die so gut wie andere Orchester nach 30 Jahren nicht!“

Probentermine unter Ferientipps auf dieser Seite.

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