Kindergärten : Die Angst, ob Papa wiederkommt

Gemeinsames Mittagessen in der Kindertagesstätte: In Rendsburg haben 334 Kinder im Krippen- und Vorschulalter einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen besuchen einen Kindergarten.
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Gemeinsames Mittagessen in der Kindertagesstätte: In Rendsburg haben 334 Kinder im Krippen- und Vorschulalter einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen besuchen einen Kindergarten.

Die Betreuung von traumatisierten Flüchtlingskindern zählt im Alltag des städtischen Kita-Personals zu den größten Herausforderungen. Ein Interview.

shz.de von
09. Februar 2018, 08:37 Uhr

Die Flüchtlingswelle stellt Rendsburg vor erhebliche Herausforderungen. 1702 Einwohner aus mindestens sieben Nationen sind seit 2015 neu ist der Stadt, darunter 334 Kinder im Krippen- und Vorschulalter. Viele von ihnen besuchen eine der vier kommunalen Kindertagesstätten, die Kitas Neuwerk, Butterberg und Stadtpark sowie die Villa Kunterbunt. Welche Probleme sich im Alltag ergeben, beschreibt Andrea Loose (Foto), kommissarische Leiterin des Fachbereichs Bürgerdienste, im Gespräch mit LZ-Mitarbeiter Frank Höfer.

Frau Loose, einen hohen Ausländeranteil gab es in Rendsburg schon immer. Was ist seit 2015 anders?

Zunächst muss ich sagen, dass in den vergangenen Jahren die Anforderungen an die Frühpädagogik insgesamt gestiegen sind. Das pädagogische Handwerkszeug wie Beobachtung und Dokumentation hat heute einen viel höheren Stellenwert als früher. Außerdem ist die Zahl der Kinder aus prekären Familiensituationen insgesamt stark gestiegen und damit auch die Gefahr der Bildungsbenachteiligung.

In der Kita Neuwerk hat jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund, in den anderen Kitas ist die Quote ähnlich hoch. Leidet die pädagogische Arbeit darunter?
Sie erschwert die Arbeit. Wenn zum Beispiel von 20 Kindern einer Gruppe 15 aus verschiedenen Nationen und Glaubensrichtungen kommen, müssen die Kinder erst einmal eine gemeinsame Verständigungsebene finden. Es fehlt an Vorbildern, an denen sich die Kinder mit Migrationshintergrund orientieren können. Grundsätzlich sind aber nicht die Familien mit Migrationshintergrund die Hauptbelastung in den Kitas. Mit all den Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund kommen immer mehr Herausforderungen auf die Kitas zu, die zu einer hohen Belastung der Mitarbeiterinnen führt. Das eine Kind muss vor dem Herausgehen unter die Leggings noch eine Strumpfhose anziehen, der nächste darf nicht von Papa abgeholt werden, der andere darf sich nicht so aufregen, weil er sonst Hustenanfälle bekommt – jede Familie hat ihre eigene Kultur.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Eine ganz besondere Herausforderung sind traumatisierte Kinder. Vielfach haben sie einfach Angst, mittags nicht mehr abgeholt zu werden. Dann muss eine pädagogische Fachkraft möglichst schnell eine enge Bindung zu dem Kind aufbauen, um beruhigen zu können. Es muss eine Bezugsperson geben, die dem Kind versichert, dass die Mutter oder der Vater auch wiederkommt. Deshalb schlägt die Verwaltung auch vor, in jeder Kita eine feste Vertretungskraft zu haben.

Welche Erwartungshaltung haben die Eltern von Migrantenkindern?

Das können die Mitarbeiterinnen bei erst vor Kurzem hier angekommenen Familien wegen der Sprachprobleme teilweise nur vermuten. Aber auch diese Eltern wollen, dass sich die Kinder in den Kitas wohlfühlen, schnell Anschluss finden, Deutsch lernen und dass damit ein Fundament geschaffen wird für eine gute Schullaufbahn. Einige Familien haben auch Ängste, dass ihre religiösen Werte in Frage gestellt werden und vertraute Traditionen zerfallen. Insgesamt erleben wir aber eine sehr offene Elternschaft, die Teil der Kita ist.

Gibt es Fälle, in denen weibliche Erzieherinnen nicht akzeptiert werden?

Das kommt immer mal vor. Aber das gilt nicht nur für Familien mit Migrationshintergrund. Da muss man sich doch manchmal wundern. Ein Beispiel ist, dass ein Vater einer Erzieherin nicht die Hand geben möchte – darauf können sich die Mitarbeiterinnen jedoch einstellen.

Welche anderen kulturellen Besonderheiten gilt es zu beachten?
Teilweise ist es so, dass die Kinder für uns normale Rechte nicht ausleben dürfen. Es gibt Kulturkreise, in denen Jungs im Kita-Alter zum Beispiel nicht mit Puppen spielen. Oder sie dürfen sich nicht verkleiden. Auch bei klassischen Rollenspielen wird es schon schwierig. Und im Islam ist es auch nicht üblich, den Geburtstag zu feiern.


Wie gehen Sie damit um?

In der Kita Neuwerk hat sich das Team eine gemeinsame Position zu solchen Themen erarbeitet, eine Art Leitfaden, der auf einem demokratischen Grundverständnis aufbaut. An ihm kann sich das Personal in entsprechenden Situationen orientieren. Auch die Eltern können diesen Leitfaden nachlesen.

Was könnte getan werden, um das Kita-Personal zu entlasten?

Letztlich geht es im Bereich Bildung immer auch um Manpower. Wieviel Mensch gebe ich in die Erziehung? Ein wichtiger Punkt aus pädagogischer Sicht ist die Verlässlichkeit des Personals. Jede Kita braucht eine eigene Springerkraft, nur dann kann diese auch Bezugsperson für die Kinder sein. Dann gibt es noch viele Förderprogramme, ich nenne nur das Projekt Sprachkitas, das über Bundesmittel finanziert wird. Fachkräfte, die nicht als Aufsicht oder Vertretung eingesetzt werden dürfen, haben speziell die Eltern der Kinder im Fokus. Es geht vor allem darum, Sprachbarrieren zwischen den Mitarbeiterin und den Eltern abzubauen. Leider laufen diese Programme nur befristet für einen bestimmten Zeitraum, in diesem Fall drei Jahre. Das müsste verstetigt werden.

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