Musikalische Untermalung : Der Stummfilm-Kenner am Klavier

Ohne Üben geht es trotz aller Erfahrung nicht:  Den Fritz-Lang-Film 'Metropolis' hat Werner Loll  schon mehrfach begleitet. Foto: Sopha
Ohne Üben geht es trotz aller Erfahrung nicht: Den Fritz-Lang-Film "Metropolis" hat Werner Loll schon mehrfach begleitet. Foto: Sopha

Seit 25 Jahren begleitet Werner Loll die Schwarz-Weiß-Klassiker musikalisch / Zu Hause einen ganzen Schrank voller Noten

shz.de von
06. April 2013, 08:06 Uhr

Rendsburg / Goosefeld | "Dr. Schiwago" ohne Musik? Überhaupt nicht vollstellbar. "Tatort" ohne Ton? Geht ja gar nicht. Selbst als die Bilder laufen lernten, sorgte man für einen Begleit-Sound: Ein Mann am Klavier oder ein Ensemble spielten live dazu. Dieses besondere Erlebnis kann man immer noch genießen - und der Mann am Klavier ist oftmals Dr. Werner Loll. Der Musikwissenschaftler, Komponist und Pianist aus Goosefeld bei Eckernförde ist ein Spezialist für Stummfilm-Begleitung. In Rendsburg ist er demnächst mit seinem Quartett zu hören.

"Wir sind traumwandlerisch aufeinander eingespielt", erklärt Loll. In diesem Zusammenhang erinnert sich der Pianist schmunzelnd an seinen ersten Auftritt im Kino. "Ich setze mich ans Klavier - und der Saal wird dunkel". Weder Tasten noch Noten konnte er sehen. "Das war experimentell", berurteilt Loll seinen Auftritt rund 25 Jahre später. "Auch der Film war experimentell."

Es war "Die Muschel und der Priester" von Germaine Dulac, der 1987 im Kommunalen Kino (KoKi) Kiel gezeigt wurde. In erster Linie war Werner Loll (Jahrgang 1954) damals Jazz-Musiker. Allerdings war das nicht sein eigentlicher Berufswunsch. Arzt hatte er werden wollen, "doch das hat der Numerus Clausus verhindert". Als Parkstudium studierte er Chemie und musizierte nebenbei in Bands. Dann entschied er sich um, studierte Musikwissenschaften und promovierte. Einige Lehraufträge und etliche Konzerte später war klar, dass er die wissenschaftliche Karriere nicht weiter verfolgen würde.

Gut für die Stummfilm-Fans. Denn Werner Loll wurde zu einem Experten auf diesem Gebiet. "Ich kenne hunderte", sagt er. "Metropolis" von Fritz Lang hat er schon mehrfach begleitet. Ohne Üben geht es aber dennoch nicht. Vor einigen Jahren noch war es ein aufwändiger Prozess, bis die musikalische Begleitung stand. Als Erstes sah Loll sich den Streifen im Kino an und fertigte eine Inhaltsmitschrift an (Dauer zwei bis drei Stunden). Zu Hause wurde diese überarbeitet, dann die Musik zusammengestellt und probeweise zum Film gespielt (noch mal zwei bis drei Stunden). Klavierspieler im Kino war früher ein Knochenjob, so Loll. Eine Nachmittags- und zwei Abendvorstellungen bedeuten mindestens sechs Stunden Arbeit, dazu die Vorbereitung und das sieben Tage die Woche. Schostakowitsch habe diesen Job auch mal gemacht, weiß der Musikwissenschaftler. Aber der sei nicht mehr dazu gekommen, noch eine Note zu komponieren. Das ist bei Loll heute anders. Für Kinder- und Dokumentarfilme schreibt er noch die Musik.

Die Klassiker schaut er sich auf DVD an - ebenso seine Kollegen Ralf Lentschat (Flügelhorn, Trompete), Gerhard Breier (Klarinette, Helikon, Saxophon, Querflöte) und Peter Weise (Schlagzeug). Am Montag üben sie zum einzigen Mal gemeinsam für "Metropolis" - zu Hause bei Werner Loll, der abgeschieden auf dem Land lebt. In seinem Musikzimmer stehen ein Flügel, ein Klavier (mit Fernseher für die Filme), ein Vibraphon - und nebenan die Technik zum Komponieren. Zahlreiche Filmplakate dokumentieren Lolls Leidenschaft für die Stumm-Filmklassiker. Die Musik sind "meist Kompilationen - eine Mischung aus bestehenden und eigenen Musiken." Inzwischen hat er einen ganzen Schrank voller Noten zu Hause.

Loll kennt etliche Hintergründe Weil es ihn interessiert. Und er weiß, dass die Sprache der Stummfilme immer noch ankommt - zum Beispiel in "Ausgerechnet Wolkenkratzer", wenn Harold Lloyd an einer Uhr hängt.

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