Der See am Strand

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21. Juli 2018, 12:13 Uhr

„Kiewie“, ertönt es von der Wiese her. Und noch einmal: „Kiewie“. Miriam Kimmel deutet zu dem kleinen Tümpel inmitten der Wiesen. „Können Sie ihn sehen?“ Die Entfernung ist groß. Gut, wenn man ein Fernglas dabei hat. Dann ist der Kiebitz zu erkennen, der dort nach Nahrung pickt.

Der Weg durch das Naturschutzgebiet Schwansener See bei Schönhagen verläuft oberhalb des Strandwalls – auf der einen Seite liegen Strand und Ostsee, auf der anderen Wiesen und Strandsee. Es weht eine frische Brise, der Blick reicht weit. Radfahrer und Jogger begegnen sich, einzelne Spaziergänger gehen nordwärts bis zur Steilküste. Aber Autos müssen draußen bleiben.

„Das Naturschutzgebiet ist 215 Hektar groß“, erklärt Miriam Kimmel. „Und der Schwansener Strandsee ist einer der größten seiner Art in Schleswig-Holstein“, weiß die Landschaftsökologin von der Stiftung Naturschutz. Mit dem Strandsee hat der Kreis Rendsburg-Eckernförde eine geologische Besonderheit zu bieten. Während der Eiszeit haben Gletscher hier eine Ostseebucht geformt, die vor 7000 Jahren vom Meer überflutet wurde. Die parallel zur Küste verlaufende Strömung lagerte dann Sedimente ab – es entstand ein Nehrungshaken, der das Gewässer später vom Meer abschloss. „Heute wird der See nicht mehr überflutet“, bedauert Miriam Kimmel. Ein Siel reguliert den Zufluss, sodass der See inzwischen fasst vollständig Süßwasser führt.

Die kleinen Tümpel am Rande der Salzwiesen sind gewollt. Unter anderem laichen in ihnen die Kreuzkröten. Sie brauchen salzhaltiges Wasser und freie Flächen als Lebensraum. „Hier gab es die letzte Festlandspopulation“, so Miriam Kimmel. Im Jahre 2005 wurden nur noch acht rufende (paarungsbereite) Männchen gezählt. „Das ist nichts.“ Die Stiftung Naturschutz reaktivierte alte Senken und setzte Krötenlaich ein. Mit Erfolg. „2012 gab es rund 100 Rufer.“ Damit war die Population im Kreis Rendsburg-Eckernförde gerettet.

Das Rufen der Kreuzkröten-Männchen ist weit zu hören – ertönt aber nur im Frühjahr. Jetzt, im Sommer, sorgen Möwengeschrei, das Quik-quik-quik der Säbelschnäbler und das Tjüüüt der Rotschenkel vermischt mit Enten- und Gänsestimmen für den typischen Meeres-Strand-Sound. Ob die Säbelschnäbel hier auch gebrütet haben, kann Christoph Jensen nicht mit Sicherheit sagen. Der Vorsitzende vom Nabu Kappeln-Nordschwansen ist oft in der Hütte am Gelände-Eingang anzutreffen. Hier informieren er und seine Kollegen über das Schutzgebiet, können aus den Fenstern weit über den See blicken. „Auf jeden Fall hat es vier Brutpaare bei den Sandregenpfeifern gegeben“, weiß Jensen. Die Zwergseeschwalben hatten dagegen keinen Erfolg.

Die kleinste Seeschwalbe der Welt legt ihre Eier bevorzugt in Mulden am Strand ab. Der ist in diesem Schutzgebiet nur schmal, darf zwischen dem 1. April und 30. September nicht betreten werden und wird bei Oststurm schnell überspült. „Die Gelege wurden weggespült“, erklärt Jensen. Allerdings gibt es seit zehn Jahren auf der Lagune auch Brutflöße, auf denen sie ihre Nachkommen aufziehen können – auf denen aber auch gerne Kormorane ihre Flügel zum Trocknen ausbreiten. „Und eine Mantelmöwe hat ein ganzes Floß für sich alleine in Beschlag gelegt“, schmunzelt Jensen.

Das Gelände zur Seeseite ist dicht mit Rosen bewachsen. Für den Laien vielleicht ein schöner Anblick, für die Naturschützer ein Ärgernis. „Die Kartoffelrose ist hier nicht heimisch“, so Miriam Kimmel. Allerdings wurde sie einst in Küstenbereichen gezielt gepflanzt. An den Wegrändern wurden ihre Wurzeln schon ausgegraben, aber die Pflanze kehrt immer wieder. Darum dürfen die Galloways hier oben auf dem Strandwall weiden, sie halten die Triebe kurz, bis die unerwünschte Rose vielleicht ganz verschwindet. Genauso wie sie die Wiesen am See kurz halten – das ist gut für die Küstenvögel. Und ihre Trittstellen im Boden sind gute Keimstellen für das Knabenkraut, das sich auf diese Weise wieder ausbreiten konnte.

Spezielle Tore sollen den Tieren den Durchlass ermöglichen, aber auch Fahrradfahrern und Menschen im Rollstuhl. Die Tore werden zurzeit montiert. Die Menschen müssen allerdings auf dem Weg bleiben. Die Natur soll möglichst wenig gestört werden. Vor allem die Tiere, die ihre Jungen aufziehen. So wie der Kiebitz. Drei Küken konnte Christoph Jensen in Begleitung der Eltern beobachten. Aber um die Mini-Kiebitze zu sehen, braucht man Glück – und am besten ein Fernglas.

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