zur Navigation springen
Landeszeitung

20. Oktober 2017 | 22:06 Uhr

Rendsburg : Der schwere Gang zum Asyl

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

In einer schmucklosen Bundesbehörde an der Schleswiger Chaussee entscheiden sich Lebenswege: Hier müssen Asylbewerber persönlich zur Anhörung erscheinen. Die Landeszeitung war bei einer dabei.

Die Anhörung, der wichtigste Teil des Asylverfahrens, beginnt in freundlicher Umgebung. Ein Strauß Tulpen steht auf dem Tisch des kleinen Büros. An der Wand hängt eine Landkarte: Nordafrika, Kleinasien, Russland und Europa sind darauf zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite ist das Sonnensystem abgebildet. Aus dem Kosmos betrachtet sitzen alle Menschen auf demselben Krümel Erde. In diesem Fall ist es ein Zimmer im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf, Außenstelle Rendsburg.

Hier wird jeder Asylbewerber angehört. Im persönlichen Gespräch muss er einem Bamf-Entscheider überzeugend erklären, warum es für ihn unmöglich ist, in seine Heimat zurückzukehren. 13 Bundesbeamte sind an der Schleswiger Chaussee tätig. Sie bestimmen auf Grundlage der erzählten Geschichten, gesammelten Daten und gesetzlichen Vorgaben über menschliche Schicksale.

Eine dieser Entscheiderinnen ist Katharina Wagner*. 15 Anhörungen bearbeitet sie pro Woche – im Schnitt, denn „jeder Antrag wird individuell behandelt. Deshalb nehmen einige Fälle mehr Zeit in Anspruch als andere“. Zu Wagners Fachgebiet gehört Afghanistan, die Heimat von Ali Reza Hassani*. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern reiste der 30-Jährige vergangenes Jahr in Deutschland ein. Katharina Wagner muss nun prüfen, ob die Familie bleiben darf. Die Landeszeitung war exklusiv bei diesem Termin dabei.

Bevor Wagner Personalien abfragt, klärt sie Hassani über den Verlauf der Anhörung auf. Obwohl für ihn alles von den nächsten Stunden abhängt, wirkt er ruhig. Mit offenem Blick beantwortet er die Fragen, die für alle Erstantragsteller gleich sind. Details entscheiden darüber, welche Gesetze Anwendung finden. „Wie sind Sie angekommen? Was befürchten Sie, wenn Sie zurückgehen?“

Während des Interviews trägt Wagner einen Kopfhörer mit Mikrofon. Was Hassani erzählt, wird sie in ein Protokoll tippen oder sprechen, sobald der vom Bamf gestellte Dolmetscher aus dem Darischen übersetzt hat. Etwas Deutsch spricht Hassani zwar, aber es reicht nicht, um seine Fluchtgeschichte zu erzählen. Sie handelt von Krieg. Nicht zwischen Staaten, sondern Familien.

Hassani ist so etwas wie ein Flüchtling in zweiter Generation. Nach Beginn des Afghanistankrieges vor rund 40 Jahren flohen seine Eltern wie unzählige andere ins Nachbarland Iran. Dort wurde er geboren. Abitur und Studium absolvierte er jedoch in Afghanistan. Sechs Jahre verbrachte er mit Unterbrechungen dort. Während eines Aufenthalts im Iran heiratete er die Nachbarin seiner Schwester. Mit dieser Eheschließung begannen die Probleme. Denn seine Frau, ebenfalls Afghanin, war schon einmal verheiratet gewesen.

Nach dem Tod ihres Vaters hatte der Onkel von Hassanis Frau sie gegen ihren Willen in die Ehe mit einem älteren Mann verkauft. Im Alter von 13 Jahren. Ein halbes Jahr hielt sie es in ihrer Zwangsehe aus, bis sie zu ihrer Mutter floh. Als ihr Mann sie zurückforderte, versuchte die Familie zu beschwichtigen: Vielleicht würde sich die Situation nach ein paar Jahren bessern. Doch Hassanis Frau war sich sicher: Niemals würde sie zu ihrem ersten Mann zurückkehren. Eine Möglichkeit, die sie nur im Iran, nicht aber in Afghanistan sah, lautete Scheidung. Acht Jahre brauchte sie, um diese auch ohne Zustimmung ihres ersten Mannes rechtlich durchzusetzen. Ihr Ex-Mann akzeptierte ihre neue Ehe jedoch nicht und begann, nach ihr und ihrem neuen Mann zu suchen. Bis zu der Provinz, in der sich Hassani während seiner Ausbildung aufhielt, konnte die Familie ihn ausfindig machen. „Wenn sie gewusst hätten, wer ich bin, könnte ich heute diese Geschichte nicht erzählen“, schließt Hassani. Seiner Frau drohe als „Ehebrecherin“ die Steinigung. Doch nicht nur um ihrer beider Leben sorge er sich, auch um die Zukunft seiner Tochter: „Im Iran kann sie nicht zur Schule gehen.“

Fast drei Stunden dauert die Anhörung nun schon. Wer als Entscheider arbeitet, muss vieles gleichzeitig erledigen. Noch während Hassani erzählt, hat Katharina Wagner das Protokoll fast fertig gestellt. Einige Nachfragen werden ergänzt, dann druckt sie es aus, damit der Dolmetscher es rückübersetzen kann. Jede Angabe wird vom Antragsteller überprüft. Wie aussichtsreich das Gesuch der Hassanis sein wird, will Wagner noch nicht einschätzen. Das Asylgesetz liegt aufgeschlagen neben ihrem Computer. Sie wird die Regelungen anwenden und in einigen Wochen eine Zu- oder Absage formulieren. „Mit der Zeit entwickelt man einen professionellen Abstand“, antwortet sie auf die Frage, ob ihr das „Nein“ schwer falle. „Es ist vorgekommen, dass ich ein Gesuch ablehnen musste, obwohl ich die Geschichte berührend fand. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir gute und faire Gesetze haben. Wir gewähren allen Asyl, die es brauchen.“

* Alle Namen wurden auf Bitten und
zum Schutz der Betreffenden geändert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen