zur Navigation springen

Syrer in Rendsburg : Der Pate der jungen Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

„Es ist keine Adoption.“ Walter Grouls (65) vom Vormundschaftsverein „Lifeline“ kümmert sich ehrenamtlich um zwei junge Syrer, die bei ihrem Bruder in Rendsburg leben.

shz.de von
erstellt am 30.Sep.2013 | 12:52 Uhr

Als die entsetzlichen Bilder der Giftgas-Opfer um die Welt gingen, hatten Walid (17) und Ömer (18) ihr Heimatland Syrien schon verlassen. Sie stammen aus der Provinz Aleppo und waren auf der Flucht in den Westen. Mit 80 anderen Menschen in einem überfüllten Boot erreichten sie Italien. Von dort machten sich die jungen Männer auf den Weg nach Rendsburg. Das war im Juli 2012. Seitdem kommen Walid und Ömer bei ihrem in der Stadt lebenden Bruder unter. Unterstützt werden sie von „Lifeline“. Der Vormundschaftsverein des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein vermittelt ehrenamtliche Begleitpersonen, Vormünder und Bildungspaten. Assistenten für Jugendliche, die ohne Eltern und ohne Deutschkenntnisse aus Krisengebieten in Schleswig-Holstein gestrandet sind.

Walter Grouls (65) ist einer von landesweit knapp 50 Betreuern des Vereins. Er kümmert sich seit gut einem Jahr um Walid und Ömer. Nach seiner Pensionierung wollte der ehemalige Referatsleiter im Kieler Innenministerium weiter etwas tun. Ehrenamtlich. Eine Aufgabe mit Menschen sollte es sein. Durch einen Fernsehbericht wurde Grouls auf „Lifeline“ aufmerksam. Die rechtliche Vertretung der in der Regel 16- und 17-jährigen Flüchtlinge kann von einem amtlich bestimmten Vormund, aber auch von engagierten Privatpersonen übernommen werden. Wobei Grouls betont, dass man als Betreuer zwar rechtliche Verpflichtungen eingehen kann, aber nicht muss. „Es ist keine Adoption. Die meisten von uns sind nur Kontaktpersonen oder Bildungspaten.“

Zu den wichtigsten Aufgaben eines Privatvormundes gehört die Interessenvertretung der Jugendlichen gegenüber Behörden und Jugendhilfeeinrichtungen. Auch Arztbesuche, die Vermittlung von Deutschkursen, Nachhilfe und Ausflüge gehören zum Tätigkeitsspektrum. In den meisten Fällen sprechen die Heranwachsenden keine Silbe Deutsch, wenn sie den Norden erreichen. „Sie sind vor Krieg und Gewalt geflohen und können nichts dafür, dass sie in diese Situation geraten sind. Das sind ganz arme Wesen“, sagt Grouls. Immer wieder komme es vor, dass jugendliche Flüchtlinge in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden, nur weil sie dort noch nie politisch in Erscheinung getreten sind und nach Lesart der Behörden deshalb keine Asylgründe vorliegen.

Im Fall von Walid und Ömer hat Grouls nicht die Vormundschaft übernommen, da es den Bruder in Rendsburg gibt. Der pensionierte Diplom-Ingenieur für Vermessungswesen trifft sich einmal im Monat mit den Flüchtlingen. „Derzeit bin ich auf der Suche nach einer Schule, auf der die beiden ihr Deutsch verbessern können.“ Seit sie in Schleswig-Holstein sind, haben Walid und Ömer schon fleißig gelernt. Das Problem: „Sie kennen kaum Gleichaltrige, mit denen sie sich auf Deutsch unterhalten können“, so Grouls.

Das Engagament für die Jugendlichen ist oft eine Verbindung auf Zeit. Innenminister Andreas Breitner hat vor kurzem entschieden, den Abschiebestopp nach Syrien bis zum 31. März 2014 zu verlängern. Eine gute Nachricht für Walid und Ömer. Und eine schlechte zugleich. Denn was nach dem Stichtag aus ihnen wird, ist ungewiss. Beide haben eine auf zwei Jahre begrenzte Aufenthaltserlaubnis. Ein Jahr und zwei Monate sind bereits abgelaufen. Ende Juli 2014 werden sie möglicherweise in ihre Heimat zurückkehren müssen, sollte sich die Lage in Syrien stabilisieren und Breitner den Abschiebestopp aufheben.

Der 2004 gegründete Vormundschaftsverein „Lifeline“ sucht in und um Rendsburg Menschen, die Lust und Zeit haben, sich ehrenamtlich für junge Flüchtlinge zu engagieren.

Voraussetzungen sind Aufgeschlossenheit gegenüber jungen Flüchtlingen und Interesse an anderen Kulturen. Der Verein bietet den ehrenamtlich Aktiven Fortbildungen, die Möglichkeit des gegenseitigen Austausches und fachliche Beratung.

Direkter Kontakt zu „Lifeline“: Sophienblatt 64a, 24114 Kiel, Tel. 0431/24058 28.

E-Mail: lifeline@frsh.de.

 

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen