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Kreis Rendsburg-Eckernförde : „Der Mittwoch gehört der Familie“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Der Kreis Rendsburg-Eckernförde fördert unterschiedliche Arbeitszeitmodelle. Sie sollen selbstverständlicher werden. Darum lässt sich die Verwaltung zertifizieren. Das Projekt läuft über drei Jahre.

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erstellt am 18.Feb.2017 | 18:00 Uhr

Einen Tag in der Woche ist Susanne Jeske-Paasch nicht im Büro anzutreffen. Der Mittwoch gehört der Familie. Aber nicht dem Mann oder den bereits erwachsenen Kindern, sondern den Eltern. Pflegezeit nennt sich die gesetzliche Grundlage für die Reduzierung der Arbeitsstunden. Sebastian Krug hingegen war insgesamt vier Monate nicht an seinem Arbeitsplatz im sechsten Stock des Kreishauses anwesend. Der 39-jährige Klima-Manager hatte sich für Elternzeit entschieden. Und Silvia Kempe-Waedt saß immer freitags daheim in Kiel an ihrem PC, denn der Kreis Rendsburg-Eckernförde ermöglicht seinen Arbeitnehmern Teleheimarbeit. Diese Arbeitszeitmodelle sind drei von sechs, die in der Kreisverwaltung möglich und zum Teil im Gesetz verankert sind. „Aber sie werden noch zu wenig gelebt“, lautet die Erfahrung der Gleichstellungsbeauftragten. Daher hat Silvia Kempe-Waedt mit Unterstützung des Landrates eine Zertifizierung zum familienfreundlichen Betrieb initiiert. Sie möchte auf diesem Wege die Kommunikation über die möglichen Maßnahmen verbessern, damit das Thema im Alltag präsenter ist. So soll es für Führungskräfte selbstverständlicher sein, ihre Mitarbeiter darin zu unterstützen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Aber sie sollen diese Modelle auch selbst praktizieren.

Susanne Jeske-Paasch (58) ist Fachbereichsleiterin Arbeit, Soziales und Gesundheit. Die Volljuristin übernimmt seit 30 Jahren Führungsverantwortung und hat in den verschiedensten Modellen gearbeitet. Ganz bewusst entschied sie sich vor dreieinhalb Jahren für eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit von zehn Stunden. Vater, Mutter und Schwiegermutter waren über 80 Jahre alt und „hatten den Wunsch, möglichst lange zu Hause zu leben“. Einkäufe machen, zum Arzt fahren, Hilfeleistungen organisieren – all das kostet Zeit und Kraft und war irgendwann nicht mehr am Ende eines Acht-Stunden-Tages zu erledigen. Aber Susanne Jeske-Paasch ging es nicht nur darum. Sie wollte ganz bewusst Stunden mit ihren Eltern erleben, mit ihnen reden und lachen. „Unsere Zeit ist begrenzt“, hat sie erkannt. Inzwischen sind Vater und Schwiegermutter verstorben. Umso kostbarer ist die Zeit mit ihrer Mutter, zum Beispiel bei gemeinsamen Spaziergänge.

„Das ist kein reines Frauenthema“, betont Silvia Kempe-Waedt die Aktion „Arbeit, Beruf und Familie“. Aber zum einen ist von den rund 700 Kreis-Mitarbeitern ein Großteil weiblich, zum anderen sind von davon 153 Frauen zwischen 41- und 50 Jahren sowie 175 zwischen 51- bis 60-Jahre alt. Das bedeutet: Das Thema Pflegezeit ist für die meisten Mitarbeiter aktueller als das Thema Elternzeit. Sebastian Krug ist daher in zweifacher Hinsicht eine Ausnahme: Er hat sich für einige Monate mit seinen Kindern entschieden – und das als Mann. Die Strukturen in der Verwaltung seien vielfach noch sehr traditionell, lautet seine Einschätzung, die sich mit jener der Gleichstellungsbeauftragten deckt. Aber für den 36-jährigen Meeresbiologen, der beim Kreis als Klima-Manager angestellt ist, war von Anfang an klar: „Die Zeit mit den Kindern bringt einem keiner wieder.“

Bei Sohn Matze nahm er „die üblichen zwei Männer-Monate“, wie er lächelnd sagt. Denn: Nimmt das Paar zusammen die Auszeit, sind 14 Monate möglich, sonst nur 12. Bei Sohn Kasimir entschied er sich dann für vier Monate – laut Silvia Kempe-Waedt in der Verwaltung eine ungewöhnlich lange Zeit. Sebastian Krug hat sie auf drei Etappen verteilt genommen. „Es war schön, die unterschiedlichen Stadien der Entwicklung zu erleben“, sagt er.

Momentan überlegt er, ob Teleheimarbeit für ihn ihn Frage kommt. „Hierfür muss sich der Mitarbeiter festlegen, an welchem Tag er von zu Hause aus arbeiten will“, erklärt die Gleichstellungsbeauftragte. Der Kreis als Arbeitgeber begutachtet dann den Heimarbeitsplatz, denn der Computer muss in einem abschließbaren Büro stehen. Die Arbeit von daheim ist nicht jedermanns Sache und auch nicht bei allen Berufsprofilen möglich. So wurde dieses Angebot 2015 auch nur von acht Kreis-Mitarbeitern in Anspruch genommen.

Die Erfahrung der drei Protagonisten lautet: Die Arbeit leidet nicht durch diese Modelle. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter sind besonders engagiert. Und die Kollegen hätten Verständnis. Hinzu kommt, das niemand ihre Arbeit mit erledigen muss. Sebastian Krug arbeitet projektbezogen. Susanne Jeske-Paasch hat ihren Bereich gut organisiert. „Und man lernt, bestimmte Dinge zu priorisieren“, ist ihre Erfahrung. Silvia Kempe-Waedt hat ohnehin keinen klassischen Bürojob. Sie ist jetzt erst einmal in Elternzeit, da sie ihr drittes Kind erwartet. Bis sie ins Kreishaus zurückkehrt, gibt es für das Zertifizierungsprojekt mit Gesine Skorsch eine Vertretung und später auch eine für die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten.

> Das Projekt „Zertifizierung zum familienfreundlichen Arbeitgeber“ begann im Mai 2016. > Im Dezember 2016 wurde das Siegel „berufundfamilie“ verliehen. > Innerhalb von drei Jahren müssen die Ziele des Projektes umgesetzt werden. > Ziel: Die Attraktivität der Kreisverwaltung als Arbeitgeber in der Region zu erhöhen sowie die Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung im Haus.

> Das Zertifikat „audit berufundfamilie“ ist ein Siegel der gemeinnützigen Hertie Stiftung unter Schirmherrschaft der Bundesfamilienministerin und des Bundeswirtschaftsministers.

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