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Interview zur NordArt : „Der Maßstab ist nicht das Geld“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

NordArt-Chef Wolfgang Gramm erklärt, wie die Region von der Ausstellung profitiert.

Etwa 4000 Bewerbungen aus fast hundert Ländern hat Wolfgang Gramm, Geschäftsführer und Chefkurator der NordArt, in den vergangenen Monaten gesichtet. „Da war von Nahost bis Hawaii alles dabei“, sagt er im Gespräch mit Redakteur Lars Friedrich. „Wenn es logistisch machbar ist, es passt und gute Kunst ist, dann stellen wir das aus.“ Die NordArt selbst sei ein Gesamtkunstwerk, das sich immer wieder neu erfinde. Derzeit werden noch die letzten Arbeiten abgeschlossen. Morgen beginnt dann die 19. Auflage in Büdelsdorf. Während des Interviews prasselt Dauerregen auf die gigantische Halle, in der viele der Kunstwerke aufgestellt sind. Dass die Eröffnung ins Wasser fallen könnte, befürchtet Gramm aber nicht: „Ich bin optimistisch. Es wäre das erste Mal, dass es am ersten Tag regnet. Und das Wetter war ja schon im Vorfeld schlecht. Deswegen gehe ich davon aus, dass es auch dieses Jahr letztendlich gut geht.“

Herr Gramm, in den vergangenen Jahren verzeichnete die NordArt immer wieder Besucherrekorde. Auch 2016?
Ja, wir lagen bei 80.000 – ohne die zusätzlichen Besucher, die durch die Kooperation mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival kommen.

Peilen Sie die 100.000-Marke an?
Wir wollen natürlich die 100.000, am besten dieses Jahr noch. Mal sehen, wie das alles funktioniert. Das hängt ja von vielem ab – vom Verkehr auf den Autobahnen bis zum Wetter. Aber vielleicht schaffen wir das.

Wie erklären Sie sich den jährlich zunehmenden Zuspruch?
In erster Linie wird hier gute Kunst gezeigt. Wir haben Länderschwerpunkte und spezielle Künstler. Aber vielleicht ist es auch das allgemeine Konzept: Wir verlassen uns nicht nur auf Kunst, die Strom braucht, sondern man kann hier auch gemalte Bilder und Skulpturen sehen. Und alle unsere Künstler kann man anrufen. Die leben alle noch. Dazu gibt es Veranstaltungen vom Poetry Slam bis zum Klassikkonzert.

Der Ausstellungsort ist auch ungewöhnlich ...
Man steht in einem klassischen Industriebetrieb, und plötzlich ist da die Leichtigkeit der Kunst. Diese Gegensätze führen dazu, dass die Leute gerne kommen. Abgesehen davon haben wir ein Ausstellungscafé und einen wunderschönen Park, die zum Verweilen einladen.

Sie haben bei der NordArt viele internationale Führungen im Angebot. Wo finden Sie das Personal dafür?
Wir haben Mitarbeiter aus unterschiedlichsten Ländern. Die sprechen beispielsweise Chinesisch, Russisch, Finnisch, Estnisch. Dazu kommen noch Saisonkräfte, 60 sind es dieses Jahr. Es gibt jetzt schon über 200 Bestellungen für Führungen. Am Ende werden es wohl 500 bis 600 sein.

In den vergangenen Jahren war China schon Länder-Schwerpunkt, 2016 war der Chinese Liu Ruowang Schwerpunkt-Künstler. Blättert man durch den aktuellen Ausstellungskatalog, taucht schon wieder relativ viel China auf. Wie kommt's?
Ich finde das gar nicht so viel. Immerhin stammt ein Viertel der Erdbevölkerung aus China. Im Gegensatz dazu kommt weniger als ein Viertel der Ausstellung aus China. Bei 1,4 Milliarden Menschen gibt es natürlich auch viele chinesische Künstler, die es sich lohnt zu zeigen. Ich bin froh über die monumentalen Skulpturen. Dieses Jahr steht unter der Überschrift „45 Jahre Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und China“. Zu China haben wir außerdem mit der NordArt schon seit weit über zehn Jahren ganz intensive Beziehungen.

Sie sorgen also auch selbst für Verbindungen zwischen den Nationen?
Das ist natürlich so. Hier treffen sich Künstler, die sich vor kurzem noch in Rio de Janeiro begegnet sind und hier weitermachen. Das ist schon ein weltweiter Kreis an Leuten, die zusammenzukommen. Und trotz aller Globalisierung findet man in den Schwerpunkten den Individualismus der einzelnen Länder. Das wird man zum Beispiel jetzt im dänischen Pavillon ganz deutlich sehen. Dort hat man das Gefühl, man ist in Dänemark – ohne, dass da die Fahne hochgezogen ist.

Ergibt sich dieses Gefühl von selbst oder braucht man zum Verständnis der NordArt eine besondere Vorbildung?

Das kann man natürlich nur spüren, wenn man sich sensibilisiert für die Dinge und wenn man bereit ist, ein bisschen darüber nachzudenken, warum jetzt zum Beispiel an der Bushaltestelle 22 Gorillas stehen.

Wie lautet denn die Erklärung?
Ich glaube, die schafft jeder für sich selbst. Ich hatte mal eine Besucherin, die ganz gerührt war, weil auf einem Bild ihr verstorbener Bruder gemalt war. Der Maler hat den nie getroffen. Aber für die Besucherin war das ihr Bruder. Da sind wir bei dem, was Kunst eigentlich macht: sie berührt.

Dänemark bildet dieses Jahr den Länderschwerpunkt. Warum erst jetzt?
Das ist eine berechtigte Frage. Vielleicht hat man gedacht, zum direkten Nachbarn kann man ja auch so hinfahren. Kooperationen machen wir ja schon seit einigen Jahren immer mal wieder.

Sie sprachen eben von Künstlern als eine Art Weltgemeinschaft. Was ist in dem Zusammenhang die NordArt?
Eine der größten Kunstausstellungen – die jährlich wiederkehrt und ein Gefühl von Familie aufbaut. Zur Eröffnung haben sich schon 150 Künstler angesagt. Die kommen, weil sie den Austausch suchen. Wir haben hier Kunst, die so wertvoll ist, dass man sich wundert, wie man für drei Bilder eine Million Euro kriegen kann – oder sogar mehr. Solche Arbeiten hängen hier. Aber der Maßstab ist nicht das Geld, sondern Kunstgenuss.

Und welchen Beitrag leistet die NordArt für die regionale Gemeinschaft?
Einen ganz wichtigen. Die Kunst, die wir hier präsentieren, hilft der gesamten Region. Wir bewegen an die hunderttausend Menschen, die hierher kommen und hier übernachten. Ich glaube, die Hotelzimmer sind zur Eröffnung alle ausgebucht. Das ist indirekt auch Tourismus- und Wirtschaftsförderung.

Fühlen Sie sich in dem Zusammenhang auch wertgeschätzt?

Wir haben mittlerweile eine hohe Akzeptanz, und von Seiten Büdelsdorfs gibt es ein hohes Entgegenkommen, wenn es um das Aufstellen von Kunst geht. Immerhin ist Büdelsdorf auch im Aufsichtsrat vertreten und die Stadt gibt 50.000 Euro für dieses Projekt.

Der Rest kommt von ACO?
Wir erwirtschaften auch viel selbst. Wir decken, glaube ich, 60, 65 Prozent unseres Bedarfs durch Eintrittsgelder und Katalogverkäufe. Aber natürlich hält die ACO das Gebäude hier instand. Ohne die Familie Ahlmann würde es die NordArt nicht geben.

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erstellt am 09.Jun.2017 | 11:08 Uhr

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