Rendsburger Original : Der Markgraf sagt „Tschüss“

Der Markgraf und seine Stutentrine: Erwin Schimmer und Rita Ihrig traten bei fast allen Terminen gemeinsam auf, so wie hier im April 2016 vor der Eisenbahnhochbrücke. Damals posierten sie für die Titelseite eines „Wir am Kanal“-Magazins der Landeszeitung.
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Der Markgraf und seine Stutentrine: Erwin Schimmer und Rita Ihrig traten bei fast allen Terminen gemeinsam auf, so wie hier im April 2016 vor der Eisenbahnhochbrücke. Damals posierten sie für die Titelseite eines „Wir am Kanal“-Magazins der Landeszeitung.

Krankheitsbedingt zieht sich Erwin Schimmer zurück.

shz.de von
06. Juli 2018, 23:00 Uhr

Zwölf Jahre trat Erwin Schimmer im Auftrag von RD-Marketing als Markgraf auf. Doch eine schwere Krankheit traf ihn „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, fesselte ihn monatelang ans Krankenbett. Seit Mai lebt er in der Senioreneinrichtung „Neue Heimat“. Dreispitz und roten Uniformrock hat er an RD-Marketing zurückgegeben. „Es war eine herrliche Zeit als Markgraf, aber sie ist vorbei“, erklärt der 82-Jährige. Und fügt hinzu: „Ich habe immer gesagt, dass ich Markgraf nur so lange bleibe, wie ich laufen kann.“

Freitagvormittag in der „Neuen Heimat“. Gespräch mit der Landeszeitung. Erwin Schimmer begrüßt so herzlich und gut gelaunt wie immer. Nur dass er im Rollstuhl sitzt, wirkt auf den ersten Blick befremdlich. Doch der gebürtige Rendsburger und frühere Kaufmann hat sich an das Gefährt gewöhnt und beweist, dass er damit gut umgehen kann. Schnelle Drehung nach links und ab in einen Nebenraum, „wo wir uns ungestört unterhalten können“.

Harte Monate liegen hinter ihm. Im November spielte plötzlich der Darm nicht mehr mit. Die Ärzte versetzten Erwin Schimmer für ein paar Tage in ein künstliches Koma. Insgesamt dauerte der Klinikaufenthalt über fünf Monate. Langsam erholte er sich. Dann ging’s in die Neue Heimat. „Mir gefällt es hier“, sagt Schimmer, „die Mitarbeiter sind sehr nett, das Essen ist gut.“ Dennoch möchte er wieder nach Hause zu seiner geliebten Frau Friedel, mit der er seit 1960 verheiratet ist. Mittlerweile hat er seine Beine so weit trainiert, dass er sich auf eigenen Füßen bewegen kann – allerdings unterstützt von einem Rollator und in Begleitung seiner Therapeutin. Zweimal wöchentlich sind sie gemeinsam unterwegs. „Meine Therapeutin möchte noch nicht, dass ich allein losmarschiere, sonst würde ich jeden Tag loswetzen“, sagt Schimmer und schmunzelt. Der Ehrgeiz ist groß: „Ich will wieder ohne Hilfe gehen können.“

Die Rolle als Markgraf hat ihn erfüllt. Mit Freude blickt er auf diese Zeit zurück. „Stutentrine“ Rita Ihrig war immer an seiner Seite. Gemeinsam repräsentierten sie Rendsburg auf offiziellen Terminen, quasi als leibhaftige Wahrzeichen der Stadt. „Und immer ehrenamtlich“, betont Schimmer. Prominenten Persönlichkeiten hat er erlebt. Besonders gern denkt er an eine Begegnung mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zurück („ein ganz normaler Mensch“). Aber auch Anekdoten gibt es genug zu erzählen, zum Beispiel vom NDR, der auf dem Paradeplatz eine Ausgabe der „Aktuellen Schaubude“ produzierte und Markgraf und Stutentrine für die Sendung verpflichtete. „Die haben mich gefragt, wo wir währenddessen unsere Pferde unterbringen.“ Schnell stellte sich heraus: Der NDR hatte den Begriff „Stutentrine“ missverstanden. „Die wussten nicht, dass wir unter ’Stuten’ ein Brot mit Rosinen verstehen.“

Seine Stutentrine vermisst ihn sehr. „Erwin Schimmer ist ein Mensch, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann“, sagt Rita Ihrig (63). Von ihm habe sie gelernt, dass Markgraf und Stutentrine „nur schmückendes Beiwerk sind, in der ersten Reihe stehen andere.“ 15 Termine im Jahr haben sie gemeinsam bewältigt. Und immer sei man sich einig gewesen.

RD-Marketing-Chefin Anke Samson spricht ebenfalls in höchsten Tönen vom langjährigen Markgrafen. „Erwin Schimmer ist ein wunderbarer Erzähler und würdiger Repräsentant der Stadt.“ Ein Nachfolger würde in große Fußstapfen treten, aber die Suche hat bisher nicht begonnen. Anke Samson: „Ich habe immer noch ein kleines bisschen Hoffnung, dass er doch zurückkommt.“

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