Kitesrufen : Der lange Weg zurück

Seinen Optimismus hat Mario Rodwald nicht verloren.
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Seinen Optimismus hat Mario Rodwald nicht verloren.

Knapp ein Jahr nach seiner schweren Knieverletzung feilt Kitesurfer Mario Rodwald an seinem Comeback. Möglicherweise steigt der 24-jährige Rendsburger Ende August wieder in den Weltcup ein.

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18. Juni 2015, 05:18 Uhr

Den 10. August 2014 wird Kitesurfer Mario Rodwald wohl niemals vergessen. Eine missglückte Landung nach einem Sprung hatte schwerwiegenden Folgen: quasi ein Totalschaden im linken Knie. So mancher Arzt prophezeite ihm das Karriereende, der 24-jährige Rendsburger aber gab nicht auf, kämpfte und steht knapp ein Jahr nach seiner Verletzung vor der Rückkehr aufs Wasser.

Am Finaltag des letztjährigen Kitesurf-Weltcups in St. Peter-Ording wollte Rodwald noch einmal angreifen, um in der Gesamtwertung weiter nach vorn zu fahren. Aber schon beim ersten Sprung fand die geplante Aufholjagd ein jähes Ende. „Das Gefühl ist schwer zu beschreiben, wenn du fit und gut vorbereitet bist und du bei der ersten Landung einen lauten Knall hörst, der nichts mit einem gebrochenem Board zu tun hat, sondern mit dir“, hatte der mehrfache Deutsche Meister und zweimalige Europameister im Freestyle noch am selben Abend über Facebook verkündet. Am Tag darauf folgte eine niederschmetternde Diagnose. Neun Bänder, unter anderem der Meniskus, beide Kreuzbänder, das Innenband und die Patella-Sehne sowie mehrere Muskeln waren gerissen. „Der erste Arzt, der mich behandelte, sagte mir, ich könne nie wieder Sport treiben“, erinnert sich Rodwald. Eine Aussage, die beim Rendsburger eher das Gefühl der Motivation denn der Resignation hervorrief. Glücklicherweise fand Rodwald in Professor Dr. Karl-Heinz Frosch einen Arzt, der die Meinung seines Kollegen nicht teilte. „Die meisten schweren Knieverletzungen dieser Art in Deutschland landen hier bei uns in Sankt Georg“, sagt der Chefarzt der Hamburger Asklepios-Klinik: „Wir haben viel Erfahrung damit.“ Allerdings räumt Frosch ein, dass er dem Kitesurfer zuvor keine Versprechungen machen konnte, was seine sportlichen Ambitionen betrifft. „Das große Problem bei Mario war, dass auch seine Streckermuskulatur gerissen war. Dadurch wurde die Nachbehandlung sehr schwierig und hat länger gedauert als gewöhnlich“, erklärt Frosch.

Diese Nachbehandlung begann Rodwald noch im Krankenhaus. In den zwei Wochen des Aufenthaltes war der Physiotherapeut sein Dauergast. An seine ersten Gehversuche erinnert sich Rodwald mit Grauen: „Das tat so krass weh, dass ich gar nicht stehen konnte.“ Nach und nach steigerte er die Belastung. In Tim Raav fand er einen kompetenten Therapeuten, der zudem selber Kitesurfer ist. „Zwei bis vier Mal in der Woche war ich bei ihm“, so Rodwald. Inzwischen bekommt er zusätzliche Unterstützung vom Olympia-Stützpunkt in Hamburg. Dass es Phasen des Frusts auf diesem beschwerlichen Weg gegeben hat, verhehlt der Rendsburger nicht: „Na klar hatte ich auch mal keine Lust mehr auf die Reha, aber grundsätzlich wusste ich immer, was ich wollte.“ Diese Einstellung war eine der Grundvoraussetzungen, um überhaupt wieder ans Kiten zu denken. Professor Dr. Frosch erklärt: „Der Patient hat am Heilungsverlauf einen riesigen Eigenanteil. Mario hat sich gequält, und wir haben ihn massiv gequält.“

Rodwalds Ziel war und ist die Rückkehr in die Kitesurf-Weltspitze. „Aus medizinischer Sicht“, versichert Frosch, „ist das Knie bombenfest. Ich habe ihm vorher gesagt, dass die Chance bei achtzig Prozent liegt, dass er wieder Sport treiben kann. Ob es wieder für absoluten Spitzensport reicht, wird sich zeigen.“ Um wieder auf das ursprüngliche Leistungsniveau zu kommen, sei der Kopf und die psychologische Seite entscheidend. „Natürlich ist Mario durch schwierige Phasen gegangen, aber grundsätzlich hat er immer an sich geglaubt mit der Einstellung, dass er es schaffen würde“, beschreibt Frosch die Zeit mit seinem Patienten. Der hatte in den Monaten seiner Rekonvaleszenz die Gelegenheit, die vergangenen Jahre zu reflektieren. „Ich habe die Erfolge der letzten Jahre endlich einmal Revue passieren lassen und genießen können“, erklärt Rodwald. Der ernsthafte Gedanke, den Sport an den Nagel zu hängen, habe es nicht gegeben. Auch die Wiederaufnahme seines Management-Studiums war kein Thema. „Ich will meinem Körper nicht das Signal geben, dass es jetzt mit halber Kraft weitergeht.“ Für ihn ist klar: „Kiten ist das, was ich machen will.“

Seit Februar ist Rodwald bereits wieder auf dem Wasser, wenn auch noch nicht mit vollem Risiko: „Ich bin schon noch etwas vorsichtig. Ein paar Muskeln fehlen noch.“ Ende August beim Weltcup in St. Peter-Ording wird er auf jeden Fall vor Ort sein. Ob es auch für einen Start im Wettkampf reicht, lässt er noch offen. „Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig“, sagt er. Aber wenn er sich gut fühle, könnte es sein, dass er antritt.

Es wäre das Ende eines langen Weges und möglicherweise der Beginn eines neuen Kapitels in seinem Leben – und das ausgerechnet in St. Peter-Ording.

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