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Justizopfer aus Rendsburg : Das zähe Ringen um die Wahrheit

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Ein Vergewaltigungs-Vorwurf und die Folgen: Warum ein Rendsburger von zwei Gerichten zunächst verurteilt – und dann freigesprochen wurde.

Rendsburg | Würde man diese Erlebnisse verfilmen, würde jeder sagen: Das kann sich unmöglich ereignet haben. Aber es ist eine tatsächliche Begebenheit. Geschehen in Rendsburg. Yussuf Hussain* hat alle Vorgänge Schwarz auf Weiß und genau aufgezeichnet: Eine 15-Jährige beschuldigt einen 35-jährigen Mann, sie vergewaltigt zu haben. Zahlreiche Zeugen geben dem Mann ein Alibi. Doch sowohl Amts- als auch Landgericht glauben dem Mädchen. Knapp sieben Jahre später wird das Urteil aufgehoben. Die 15-Jährige hat gelogen.

Dass er nicht in Deutschland geboren wurde, sieht und hört man Hussain an. Er kam 1970 in Bagdad zur Welt, absolvierte eine Ausbildung zum Regisseur, heiratete. „Wir hatten in unserer Heimat alles: Häuser und Geld“, sagt er. Aber sie hatten keine Sicherheit, es war Krieg im Irak. Er floh nach Deutschland, bekam Asyl, holte die Familie nach. Das alles erzählt der Mann in fließendem Deutsch. Nur ab und zu sucht er nach dem treffenden Wort. „Ich habe damals sofort einen Sprachkurs gemacht.“ Aber ein Akzent ist ihm geblieben. Er findet Arbeit, hat Freunde. Alles scheint gut. Bis zu einem Tag im Jahre 2004. Die Polizei ruft ihn an, während er mit einem Wagen der Beschäftigungsgesellschaft „Rabs“ Auslieferungen fährt.

Was er dann hört, verwirrt Yussuf Hussain. Er wird beschuldigt, ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Noch heute ist er fassungslos. „Ich hatte nie mit der Polizei zu tun“, sagt er. „Nie.“ Und so geht er bereitwillig zum Verhör: „Ich kenne das Mädchen nicht. Doch im Gerichtsprotokoll heißt es: „Kathrin Peters* war mit ihrem Fahrrad auf dem Weg zum Supermarkt. Der Angeklagte kam ihr mit seinem Auto entgegen ... Er versperrte der Zeugin mit seinem Auto den Weg. Er kam zügig aus seinem Fahrzeug heraus, packte Kathrin Peters am rechten Armt und zog sie vom Fahrrad...“.

Der Fall wird vor dem Amtsgericht Rendsburg verhandelt. Hussain beteuert seine Unschuld. An besagtem Abend habe er mit seiner Frau bei Freunden gegessen. Sie alle werden gehört. Aber niemand glaubt ihnen. Das Urteil: Sechs Monate Haft auf Bewährung. Vor dem Landgericht Kiel wiederholt sich der Vorgang. „Warum?“, fragt sich der Mann aus dem Irak. Immer wieder. Das Verhältnis zu Frau und Freunden beginnt unter den Vorwürfen zu leiden. „Hast du nicht vielleicht doch...?“, fragt einer zum Scherz. „Ich habe das nicht getan“, beteuert Yussuf Hussain. Und sagt: „Diese Geschichte hat eine glückliche Familie zerstört.“

2012 betreibt Hussain einen Imbiss, den eines Tages jener Mann betritt, mit dem Kathrin Peters zusammen war. Hussain hatte die beiden und ihre Kinder einige Male von weitem gesehen. Jetzt spricht er Klaus Hansen* auf den Fall von vor acht Jahren an: „Ich will nur die Wahrheit wissen.“ Hansen hört zu und ist bereit zu helfen. Er redet mit seiner Ex-Freundin, von der er weiß, dass sie schnell „Notlügen“ erfindet. Es gibt eine erneute Gerichtsverhandlung – und einen Freispruch.

Denn: Kathrin Peters hat sich den Vorfall komplett ausgedacht. Drei versuchte Vergewaltigungen im Jahr zuvor hatten sie geprägt. Hussain hatte sie nur einmal flüchtig gesehen. Und weil sie gut schauspielern kann, zittert sie, als sie ihren Eltern die Geschichte erzählt. Die junge Frau bedauert ihr Verhalten inzwischen. Yussuf Hussain ist jetzt deutscher Staatsbürger, lebt aber von seiner Familie getrennt. „Ich bin nicht sauer auf das Mädchen“, sagt der Mann, der lange auf Gerechtigkeit warten musste. „Ich bin sauer auf die Gerichte.“
Und die lassen ihn noch einmal warten: Im Mai 2013 wurde ihm ein Anspruch auf Entschädigung zugesprochen. Gezahlt hat die Staatskasse allerdings noch nicht.

* Namen von der Redaktion geändert

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