Unbeschrankter Bahnübergang in Beldorf : Das war knapp: Pkw-Fahrerin nimmt Zug die Vorfahrt

Die Andreaskreuze und das rote Licht signalisieren eindeutig: Stopp. Eine Autofahrerin entging nur durch die Vollbremsung der Bahn einem Unglück.

Die Andreaskreuze und das rote Licht signalisieren eindeutig: Stopp. Eine Autofahrerin entging nur durch die Vollbremsung der Bahn einem Unglück.

Schnellbremsung: Die gute Reaktion des Lokführers verhindert am Mittwoch wohl Schlimmeres auf der Bahnstrecke Heide – Neumünster.

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22. Dezember 2017, 10:03 Uhr

Beldorf | Es gab keine Toten, keine Verletzten, auch keinen Totalschaden. Zu verdanken ist das wohl der Reaktion des Lokführers, der am Mittwoch Mittag eine Schnellbremsung an einem unbeschrankten Bahnübergang in Beldorf einleitete. Es war knapp. Nun sucht die Polizei nach der Fahrerin eines VW-Touran mit RD-Kennzeichen, die der Bahn die Vorfahrt genommen hat.

„Der Lokführer geht davon aus, dass er freie Fahrt hat“, erklärt Hanspeter Schwartz die Situation. Darum fordern die Schilder die Autofahrer zum Halten auf. Der Pressesprecher der Bundespolizei in Flensburg, die landesweit für die Gleisanlagen zuständig ist, sagt: „Wer an einem unbeschrankten Bahnübergang nicht bewusst hält, der spielt mit seinem Leben.“

Nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit dem der Bahn-Fahrgäste. Der Vorfall ereignet sich auf der Bahnstrecke Heide – Neumünster. Der Bahnübergang in Beldorf zwischen Landesstraße und Dorfstraße ist nicht mit einer Schranke gesichert, aber mit einem Andreaskreuz und Lichtanlage.

Bahnübergänge wurden besser ausgerüstet

Gelbes Blinklicht bedeutet „Halt“ – beziehungsweise dass alle, die sich noch auf dem Bahnübergang befinden, diesen frei machen müssen. Bei Rot ist immer Anhalten angesagt. Wenn keine Ampel vorhanden ist, steht auf jeden Fall das sogenannte Andreaskreuz vor dem Bahnübergang. Und dessen Botschaft ist ebenfalls eindeutig „Stopp!“, betont die Deutsche Bahn.

Dieses Schild weist bereits 240 Meter vor dem Bahnübergang auf die Kreuzung von Straße und Schiene hin.
Kühl
Dieses Schild weist bereits 240 Meter vor dem Bahnübergang auf die Kreuzung von Straße und Schiene hin.

840 Bahnübergänge gibt es in Schleswig-Holstein, die meisten davon sind inzwischen mit Schranken ausgerüstet. Noch im vergangenen Jahr war rund ein Drittel technisch nicht gesichert. Im Kreisgebiet wurden in den vergangenen Jahren unter anderem Übergänge in Ostenfeld und Haßmoor besser ausgerüstet. 1989 war ein altes Ehepaar am Ostenfelder Brückenweg tödlich verunglückt. Bis 2008 hatte die Bevölkerung dafür gekämpft, dass der Übergang mit Schranken versehen wird.

Zahl der Bahnübergänge bundesweit halbiert

Die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen hat sich von 2002 bis 2016 nahezu halbiert, teilt die Deutsche Bahn mit und führt dies auf verbesserte Sicherung zurück. Aber auch die Zahl der Kreuzungen zwischen Schiene und Straße hat abgenommen: „Mitte der Neunzigerjahre gab es noch 28.000 Bahnübergänge, über 50 Prozent davon ohne technische Sicherung. Ende 2016 waren es noch 16.871 Anlagen, davon noch knapp 39 Prozent ohne technische Sicherung“.

Konkrete Zahlen für den Kreis Rendsburg-Eckernförde waren nicht zu erhalten. Es gibt nach Polizeiangaben auch keine Statistik über die Unfallzahl an unbeschrankten Bahnübergängen. Nach sh:z-Recherchen war es 2016 im Land zu drei Unfällen mit einem Toten gekommen. Insgesamt ereigneten sich acht Unfälle an Bahnübergängen in Schleswig-Holstein, geht aus Bahnunterlagen hervor.

Gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr

„Dass Zugführer eine Vollbremsung einleiten müssen, kommt durchaus öfter mal vor“, erklärt Pressesprecher Schwartz. Wie im aktuellen Fall. „Nur durch das sofortige Handeln des Triebfahrzeugführers und das Einleiten einer Schnellbremsung konnte Schlimmeres verhindert werden.“

Auf die Fahrerin wartet dennoch eine Anzeige. „Weil es zu einer Vollbremsung gekommen ist, liegt ein gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr vor“, erklärt Hanspeter Schwartz. Der Zugführer der Nordbahn konnte noch Teile des Kennzeichens erkennen und dass am Steuer des schwarzen VW-Touran wohl eine Frau saß. Nach ihr sucht jetzt die Polizei.

Zeugensuche

Die Bundespolizei sucht Zeugen, die am Mittwoch, 20. Dezember, zwischen 11.30 und 12 Uhr einen schwarzen VW-Touran mit RD-Kennzeichen am Bahnübergang in Beldorf (zwischen Landesstraße und Dorfstraße) gesehen haben. Sachdienliche Hinweise nimmt die Bundespolizeiinspektion Flensburg unter der Telefonnummer 0461 / 31 32 202 entgegen.
 

Gefährliche Gedankenlosigkeit

Ein Kommentar von LZ-Redakteurin Sabine Sopha

Ein kleiner Moment reicht aus. Ein paar Sekunden, in denen man nicht aufpasst – und schon ist ein Unfall passiert. An unbeschrankten Bahnübergängen ist erhöhte Vorsicht geboten. Grundsätzlich wissen wir das, wir lernen es ja in der Fahrschule. Allerdings scheint es Faktoren zu geben, die einen das vergessen lassen. Wenn Fahrer oder Fahrerin beispielsweise in Eile oder in Gedanken sind. Was mögen sie in dem Moment denken, wo sie schnell noch über die Schienen huschen wollen? Vielleicht: „Es wird schon gut gehen“. Wir vergessen anscheinend oft genug, dass wir uns nicht in einem Kino-Thriller oder Zeichentrickfilm befinden: Da überstehen die Personen gefährliche Situationen mit einem Kratzer. Im wirklichen Leben kann Unachtsamkeit im schlimmsten Fall tödlich sein.

Allerdings verleitet ein Umstand dazu, das Andreaskreuz nicht immer ernst zu nehmen: Es gibt viele stillgelegte Strecken, die noch mit diesem Verkehrsschild gesichert sind. Beim Anhalten sieht man grasüberwucherte Schienen und weiß: Hier ist schon seit Jahren kein Zug mehr gefahren. Hier sind Kommunen und Bahn gefordert, nachzubessern. Ansonsten liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen. Das Leben ist zu kostbar, um es durch eine Gedankenlosigkeit zu verlieren.

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